Fragen zum Nachdenken

- Wozu kann man das nutzen?

- Woran erinnere ich mich?

- Welche Details weiß ich nicht mehr?

- Was habe ich später von anderen gehört?

- Welche Dokumente aus dieser Zeit existieren?

- Was ist faktisch überprüfbar?

- Welche Bedeutung messe ich dem heute bei?

- Vertraute Fragen Warum erinnern sich zwei Menschen manchmal völlig unterschiedlich an dasselbe Ereignis? Kann sich eine Erinnerung sehr lebendig und echt anfühlen und trotzdem unzutreffende Details enthalten? Warum kann ich mich plötzlich an etwas „erinnern“, nachdem jemand anderes davon erzählt hat? Kann Wiederholung meine Erinnerung verändern? Bedeutet ein fehlerhaftes Gedächtnis, dass jemand lügt? Wie zuverlässig sind Kindheitserinnerungen? Können gemeinsame Geschichten innerhalb einer Familie oder Gruppe Erinnerungen beeinflussen? Wie gehe ich sorgfältig mit einer Erinnerung um, bei der ich mir nicht in allem sicher bin?


Wie funktioniert das Gedächtnis?
Das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Kamera, die ein Ereignis vollständig speichert und später exakt wieder abspielt.
Wenn wir etwas erleben, werden verschiedene Bestandteile verarbeitet: Bilder, Geräusche, Bedeutungen, Emotionen, Ort, Zeit und das, worauf unsere Aufmerksamkeit in diesem Moment gerichtet ist.
Wenn wir uns später daran erinnern, werden diese Bestandteile wieder zusammengesetzt.

EREIGNIS
     ↓
wahrnehmen
Bedeutung geben
Details speichern
     ↓
Zeit vergeht
     ↓
Erinnerung abrufen
     ↓
neu zusammensetzen

Das wird oft als rekonstruktives Gedächtnis bezeichnet.

Im Source Monitoring Framework von Marcia Johnson und Kolleginnen und Kollegen wird Erinnern als ein Prozess beschrieben, bei dem verschiedene Merkmale einer mentalen Erfahrung verwendet werden, um zu bestimmen woher die Information stammt: Habe ich sie wirklich gesehen, später gehört, selbst erfunden oder hat jemand anders sie erzählt?

Rekonstruktiv bedeutet nicht: unzuverlässig

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Wenn wir sagen, dass Gedächtnis rekonstruktiv ist, bedeutet das nicht:

„Erinnerungen
kann man niemals trauen“

Wir können unglaublich viele korrekte Informationen behalten.

Ohne ein zuverlässiges Gedächtnis könnten wir nicht:

Menschen erkennen,

einen Beruf lernen,

Termine behalten,

Sprache verwenden,

unsere persönliche Geschichte kennen.

Aber Erinnerungen können unvollständig oder veränderlich sein.

Eine genauere Formulierung wäre daher:

Gedächtnis kann
sehr informativ sein

        und

Gedächtnis ist
nicht unfehlbar

Diese beiden Aussagen können gleichzeitig wahr sein.

Was ist eine falsche Erinnerung?

Eine falsche Erinnerung ist eine Erinnerung, bei der sich jemand an etwas erinnert, das so nicht stattgefunden hat.

Das kann ganz klein sein.

Du erinnerst dich zum Beispiel daran, dass jemand eine rote Jacke trug, obwohl sie blau war.

Aber Gedächtnisverzerrungen können auch größer sein.

Jemand kann sich Details merken, die aus anderen Ereignissen stammen, Ereignisse miteinander vermischen oder unter bestimmten Umständen sogar überzeugt sein, dass ein autobiografisches Ereignis stattgefunden hat, das nie stattgefunden hat.

Forschungen zu sogenannten rich false memories zeigen, dass solche umfangreicheren falschen Erinnerungen unter experimentellen Bedingungen möglich sind. Gleichzeitig gibt es wissenschaftliche Diskussionen darüber, wie solche Erinnerungen genau definiert und gezählt werden sollten.

GEDÄCHTNISFEHLER

„Das Auto war rot“
aber es war blau


GRÖSSERE VERZERRUNG

Details aus verschiedenen
Ereignissen vermischen sich


FALSCHE AUTOBIOGRAFISCHE
ERINNERUNG

jemand erlebt
etwas als Erinnerung,
das nicht passiert ist

Diese Formen sollte man nicht alle über einen Kamm scheren.

Eine falsche Erinnerung ist keine Lüge

Lügen und sich irren sind grundlegend verschieden.

Beim Lügen weiß jemand — soweit wir das feststellen können —, dass etwas anders war, und erzählt bewusst etwas anderes.

Bei einer falschen Erinnerung kann jemand aufrichtig überzeugt sein:

„So erinnere ich es wirklich.“

LÜGEN

„Ich weiß, dass es
anders war,
aber ich erzähle etwas anderes“


FALSCHE ERINNERUNG

„Das fühlt sich wirklich
wie meine Erinnerung an“

Jemand kann also sachlich falschliegen, ohne unehrlich zu sein.

Warum können sich Erinnerungen verändern?

Beim Abrufen einer Erinnerung nutzen wir nicht nur gespeicherte Details. Wir verwenden auch:

allgemeines Wissen,

Erwartungen,

Bedeutung,

andere Erinnerungen,

Informationen, die wir später gehört haben,

und manchmal unsere Vorstellung davon, wie etwas wahrscheinlich abgelaufen ist.

Das muss kein Fehler sein. Es hilft uns vielmehr, einzelne Informationen zu einem verständlichen Ganzen zusammenzufügen.

Dadurch kann es aber manchmal zu Verwechslungen über die Quelle eines Details kommen.

„Ich weiß das“

aber woher kam
diese Information?

habe ich es gesehen?
habe ich es gehört?
habe ich es gelesen?
habe ich es geträumt?
habe ich es mir vorgestellt?
hat meine Mutter es erzählt?

Das wird Source Monitoring genannt. Eine Quellenverwechslung kann dazu führen, dass später Gehörtes irgendwann Teil der ursprünglichen Erinnerung zu sein scheint.

Beispiel aus dem Alltag: die Familiengeschichte

Nehmen wir an, in einer Familie wird über Jahre immer wieder dieselbe Geschichte erzählt:

„Weißt du noch, dass du im Urlaub in diesen Teich gefallen bist?“

Bei jedem Geburtstag kommt die Geschichte wieder auf.

Deine Mutter erzählt, wie erschrocken sie war.

Dein Bruder erzählt, wie nass du aussahst.

Es gibt Urlaubsfotos von diesem Ort.

Nach Jahren kannst du dir das Ereignis fast vor Augen sehen.

Später taucht ein altes Video auf.

Nicht du, sondern dein Bruder ist in den Teich gefallen.

Ereignis
     ↓
Familiengeschichte
     ↓
oft gehört
     ↓
Bilder dazu
     ↓
„Ich sehe es
fast vor mir“

Das muss nicht bedeuten, dass dir jemand absichtlich eine falsche Erinnerung eingeredet hat.

Wiederholung, Vertrautheit, eigenes Wissen und Vorstellungskraft können zusammen eine innere Vorstellung nach und nach stärker wie eine Erinnerung wirken lassen.

Wiederholung kann beeinflussen, was vertraut wirkt

Studien zeigen, dass wiederholt dargebotene falsche Suggestionen unter bestimmten Umständen später häufiger als eigene Wahrnehmung berichtet werden können.

Zaragoza und Mitchell ließen Teilnehmenden zum Beispiel irreführende Informationen über ein Ereignis hören, das sie zuvor gesehen hatten. Die wiederholte Konfrontation mit der Suggestion erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmenden mit viel Sicherheit berichteten, diese Information ursprünglich selbst wahrgenommen zu haben.

Das bedeutet nicht:

„Wenn man etwas oft genug sagt, glauben es automatisch alle.“

Sondern:

Wiederholung
kann Vertrautheit
vergrößern

        ↓

Vertrautheit kann manchmal
es schwerer machen,
die Quelle zu unterscheiden

Die Umstände, unter denen das passiert, sind sehr unterschiedlich.

Kann Vorstellungskraft eine Erinnerung beeinflussen?

Ja, unter bestimmten Umständen.

Studien haben gezeigt, dass Menschen, die dazu angehalten werden, sich ein fiktives Ereignis ausführlich vorzustellen, später manchmal leichter berichten, das Ereignis habe tatsächlich stattgefunden.

Das gilt besonders dann, wenn die Vorstellung mit realistischen persönlichen Details gefüllt wird.

Eine mögliche Erklärung ist erneut Source Monitoring.

Ich stelle mir etwas
sehr lebhaft vor
      ↓
das Bild enthält
Ort, Personen,
Gefühle und Details
      ↓
später:
„Kam dieses Bild aus
meiner Fantasie oder
aus meinem Gedächtnis?“

Aber auch hier ist Vorsicht geboten.

Vorstellen erzeugt nicht automatisch eine falsche Erinnerung, und nicht jeder ist gleich anfällig.

Die berühmte Studie „Lost in the Mall“

Eine bekannte Forschungslinie begann mit Untersuchungen von Elizabeth Loftus und Jacqueline Pickrell, bei denen Teilnehmende Informationen über echte Kindheitserlebnisse sowie über ein erfundenes Ereignis erhielten, bei dem sie als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen sein sollten.

Einige Teilnehmende begannen später zu glauben oder berichteten, dass sie sich daran erinnerten.

Diese Forschung wurde einflussreich, weil sie zeigte, dass ein vollständig fiktives autobiografisches Ereignis grundsätzlich als Erinnerung erlebt werden kann.

Neuere Replikationen bestätigen, dass solche Effekte möglich sind, haben aber auch eine wichtige Debatte darüber ausgelöst, was genau als „falsche Erinnerung“ gezählt werden sollte. Je nach den gewählten Kriterien können die Prozentsätze stark variieren.

Deshalb sollten wir nicht sagen:

„Die Forschung beweist, dass ein Viertel aller Erinnerungen falsch ist.“

Das folgt daraus keinesfalls.

Die Forschung zeigt:

falsche autobiografische
Erinnerungen
KÖNNEN entstehen

nicht:

jede Erinnerung
ist verdächtig

Kann sich eine Erinnerung sehr echt anfühlen und trotzdem nicht stimmen?

Ja.

Eine Erinnerung kann:

lebendig sein,

emotional sein,

viele Details enthalten,

und mit Überzeugung erzählt werden,

während ein oder mehrere Bestandteile nicht mit dem übereinstimmen, was tatsächlich passiert ist.

Neuere Diskussionen rund um die false-memory-Forschung zeigen sogar, wie Teilnehmende eine reiche, überzeugende Beschreibung eines fiktiven Ereignisses liefern können, während Forschende darüber streiten, ob diese Beschreibung nach strengen Kriterien als vollständige falsche Erinnerung einzuordnen ist.

Deshalb gilt:

„Es fühlt sich sehr echt an“

        ≠

„also muss jedes Detail
korrekt sein“

Aber auch das Gegenteil ist wichtig:

„Gedächtnis kann
Fehler enthalten“

        ≠

„also ist diese Erinnerung
wahrscheinlich falsch“

Allgemeine Gedächtnisforschung kann nicht dazu verwendet werden, ohne weitere Belege eine einzelne konkrete Erinnerung wegzuerklären.

Gewissheit ist nicht dasselbe wie Genauigkeit

Menschen können sich bei einer falschen Erinnerung sehr sicher sein.

Das bedeutet aber nicht, dass Vertrauen völlig nutzlos ist.

Der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Genauigkeit hängt unter anderem davon ab, wann das Vertrauen gemessen wird und ob die Person inzwischen suggestive oder irreführende Informationen erhalten hat.

Für deine Wissensdatenbank ist die wichtigste und sicherste Schlussfolgerung:

subjektive Gewissheit beweist die historische Richtigkeit einer Erinnerung nicht.

„Ich weiß es
hundertprozentig“

ist eine Aussage darüber:

wie sicher sich
jemand fühlt

nicht automatisch darüber:

was objektiv
geschehen ist

Emotionale Erinnerungen können sich ebenfalls verändern

Eine starke Emotion kann ein Ereignis außergewöhnlich lebendig erscheinen lassen.

Menschen können zum Beispiel sehr detailliert zu wissen glauben, wo sie waren, als sie schockierende Nachrichten hörten.

Doch die Forschung zeigt, dass auch emotionale Erinnerungen anfällig für Veränderungen und Fehler sind. Menschen können solchen Erinnerungen weiterhin viel Vertrauen schenken, während sich Details mit der Zeit verändern.

Emotionale Intensität bedeutet also nicht automatisch:

„Dieses Gedächtnis ist perfekt.“

Aber genauso wenig:

„Weil es emotional ist, ist es unzuverlässig.“

Erinnerungen können sich gegenseitig beeinflussen

Gedächtnis ist nicht nur individuell.

Wir sprechen ständig mit anderen Menschen darüber, was geschehen ist.

Das kann Erinnerungen manchmal verbessern: Andere können Fehler korrigieren.

Soziale Interaktion kann aber auch falsche Informationen verbreiten.

Forscher nennen das unter anderem social contagion of memory und memory conformity.

In Experimenten kann fehlerhafte Information von einer anderen Person später in die eigene Erinnerung übernommen werden. Gleichzeitig kann Zusammenarbeit manchmal gerade Fehler entfernen, weil andere unrichtige Details korrigieren.

Gemeinsam erinnern
kann:

Fehler korrigieren

        und

Fehler verbreiten

Das ist eine wichtige Nuance.

Eine gemeinsame Erzählung ist also nicht automatisch zuverlässiger oder unzuverlässiger als eine individuelle Erinnerung.

Wie kann das in Familien vorkommen?

Familien bauen gemeinsame Geschichten auf.

„Du warst früher immer so schüchtern.“

„Papa hat das immer so gemacht.“

„Dieser Urlaub war schrecklich.“

„Wir hatten eigentlich eine tolle Kindheit.“

Wenn solche Geschichten oft wiederholt werden, können sie mitbestimmen, wie einzelne Ereignisse erinnert werden.

Einzelne Ereignisse
       +
Familiengeschichten
       +
Fotos
       +
spätere Deutung
       ↓
persönliche
Erinnerung

Das bedeutet nicht, dass Familiengeschichten erfunden sind.

Sie können viele korrekte Informationen enthalten.

Aber sie sind ebenso Deutungen der Vergangenheit.

Zwei Kinder aus derselben Familie können deshalb aufrichtig sehr unterschiedliche Erinnerungen an ihre Kindheit haben.

Wie kann das in engen Gruppen vorkommen?

Auch Gemeinschaften bauen ein gemeinsames Gedächtnis auf.

Das geschieht bei Ländern, Familien, Religionen, Unternehmen, politischen Bewegungen und Gruppen ehemaliger Mitglieder.

Geschichten werden immer wieder weitererzählt:

„So war es früher.“

„Das ist uns passiert.“

„So wurden wir behandelt.“

„So haben wir diese Zeit erlebt.“

Durch Wiederholung können bestimmte Ereignisse sehr zentral werden, während andere Ereignisse weniger erzählt werden.

Das bedeutet nicht, dass solche Geschichten unwahr sind.

Die psychologische Frage ist:

„Woran erinnere ich mich selbst, was habe ich später gehört und welche Bedeutung hat die Gruppe dem gegeben?“

Wie kann das rund um Jehovas Zeugen erkennbar sein?

Jemand, der jahrelang Jehovas Zeuge war, kann persönliche Erinnerungen haben an:

Versammlungen,

Kongresse,

Predigtdienst,

Familienereignisse,

Älteste,

Äußerungen aus Vorträgen,

Publikationen,

oder wichtige religiöse Entscheidungen.

Jahre später kann jemand darüber mit aktuellen Zeugen oder ehemaligen Zeugen sprechen.

Neue Informationen können dann helfen, Erinnerungen einzuordnen, aber sie können auch beeinflussen, wie Ereignisse interpretiert werden.

Zum Beispiel:

Ein ehemaliger Zeuge hört viele Geschichten von anderen über Angst vor Armageddon und denkt erneut über seine eigene Kindheit nach.

Das kann zu der Erkenntnis führen:

„Ja, diese Angst hatte ich tatsächlich.“

Das kann eine echte Erinnerung sein.

Es ist aber sinnvoll, weiterhin zu unterscheiden zwischen:

„Ich erinnere mich
daran, dass ich Angst hatte“

und

„Deshalb weiß ich genau,
welche Worte mir vor
Jahrzehnten gesagt wurden“

Dasselbe gilt für positive Erinnerungen.

Ein aktueller Zeuge kann sich an eine Kindheit vor allem als sicher und warm erinnern, während ein Bruder oder eine Schwester dieselbe Zeit anders erlebt hat.

Die eine Erinnerung entwertet die andere nicht automatisch.

Auch Geschichten von Ex-Mitgliedern können einen Rahmen bilden

Das ist für deine Website wichtig.

Ein ehemaliges Mitglied kann viel Wiedererkennen in den Geschichten anderer Ex-Zeugen finden.

Das kann enorm wertvoll sein:

„Also war ich nicht der Einzige, der das so erlebt hat.“

Aber dieselben allgemeinen Prinzipien des Gedächtnisses gelten weiterhin.

Wenn Hunderte von Geschichten gelesen oder besprochen werden, können bestimmte Begriffe, Deutungen und Details vertraut werden.

Deshalb ist es klug, zu unterscheiden zwischen:

MEINE ERINNERUNG
Woran erinnere ich mich selbst?


SPÄTERE INFORMATIONEN
Was habe ich später gehört oder gelesen?


INTERPRETATION
Wie verstehe ich es
jetzt?

Das ist kein Grund, Erfahrungsberichte zu misstrauen.

Es ist ein Grund, sorgfältig mit ihnen umzugehen.

Ein Dokument aus der damaligen Zeit kann sehr wertvoll sein

Tagebücher, Briefe, Fotos, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten, offizielle Veröffentlichungen und Kalender können helfen zu rekonstruieren, was rund um einen bestimmten Zeitpunkt tatsächlich bekannt war oder gesagt wurde.

Das macht sogenannte zeitgenössische Quellen oft besonders nützlich.

Angenommen, jemand erinnert sich:

„Diese Regel galt schon, als ich sechzehn war.“

Eine Veröffentlichung aus genau diesem Jahr kann helfen zu überprüfen, ob das stimmt.

ERINNERUNG

„Meines Wissens
war es so“


QUELLE AUS DIESER ZEIT

„Was stand damals
tatsächlich drin?“

Aber Dokumente sind auch nicht magisch vollständig.

Ein Foto zeigt, was sich innerhalb des Bildausschnitts befand.

Ein Tagebuch gibt wieder, was der Verfasser damals notierte.

Eine offizielle Veröffentlichung sagt, was offiziell veröffentlicht wurde, nicht automatisch, wie jede einzelne Familie oder Versammlung es anwandte.

Also:

Dokument
= zusätzlicher Beleg

nicht automatisch
= die ganze Geschichte

Erinnerung, Tatsache und Interpretation auseinanderhalten

Eine einfache Methode kann viel Klarheit bringen.

Angenommen, du sagst:

„Mein Ältester hat mich in diesem Gespräch gedemütigt.“

Man kann es aufschlüsseln:

ERINNERUNG

„Ich erinnere mich, dass
er sagte:
‘...’“


ÜBERPRÜFBARE TATSACHE

Gibt es Notizen,
Nachrichten oder Zeugen?


ERLEBNIS

„Ich fühlte mich
gedemütigt“


INTERPRETATION

„Er wollte mich
absichtlich kleinmachen“

Alle vier können relevant sein.

Aber sie sind nicht dasselbe.

Deine Erfahrung kann vollkommen real sein, während die Absicht der anderen Person unklar bleibt.

Und ein konkretes Zitat lässt sich historisch leichter überprüfen als eine Schlussfolgerung darüber, was jemand dachte.

Was, wenn zwei Menschen sich völlig unterschiedlich erinnern?

Das muss nicht bedeuten, dass einer von beiden lügt.

Vielleicht:

haben sie auf unterschiedliche Dinge geachtet,

hatten sie unterschiedliche Emotionen,

behielten sie andere Details im Gedächtnis,

haben spätere Erfahrungen ihre Erinnerung anders eingefärbt,

oder einer von beiden irrt sich tatsächlich.

Eine gute erste Reaktion ist deshalb nicht:

„Wer lügt?“

sondern:

Worin sind wir uns
einig?

Welche Details
unterscheiden sich?

Was können wir
überprüfen?

Was bleibt
ungewiss?

Manchmal bleibt ein Teil der Vergangenheit einfach ungewiss.

Das ist unbefriedigend, aber manchmal ehrlicher, als eine Gewissheit zu konstruieren, die die vorhandenen Belege nicht stützen.

Vorsicht bei traumatischen Erinnerungen

Bei sehr einschneidenden oder traumatischen Ereignissen ist besondere Sorgfalt nötig.

Trauma kann Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis haben, aber aus der allgemeinen Gedächtnisforschung lässt sich nicht ableiten, dass eine bestimmte traumatische Erinnerung wahr oder falsch ist.

Auch sollte false memory nicht als bequeme Methode benutzt werden, um die Meldung von Misshandlung, Missbrauch oder anderen schweren Vorfällen abzutun.

Umgekehrt bedeutet die Intensität oder Lebendigkeit einer Erinnerung nicht, dass jedes Detail historisch belegt ist.

Deshalb ist bei schweren Vorwürfen eine sorgfältige Untersuchung wichtig, mit möglichst vielen unabhängigen Informationen und fachlich angemessenen Methoden.

Nicht:

„Erinnerungen sind
unzuverlässig,
also ist das nicht passiert“


Auch nicht:

„Es fühlt sich echt an,
also ist jedes Detail
gesichert“


Sondern:

„Welche Informationen
stützen was?“

Vorsicht bei suggestiven Fragen

Weil spätere Informationen das Gedächtnis beeinflussen können, ist auch die Art, wie wir Fragen stellen, wichtig.

Vergleiche:

„Woran erinnerst du dich von dieser Geburtstagsfeier?“

mit:

„Weißt du noch, wie wütend dein Vater dich an deinem Geburtstag angeschrien hat?“

Die zweite Frage enthält bereits Informationen.

Forschung zum Misinformation Effect zeigt, dass irreführende Informationen, die nach einem Ereignis gegeben werden, spätere Erinnerungen verändern können. Dieses Forschungsfeld ist eng mit der Arbeit von Elizabeth Loftus verbunden.

OFFENE FRAGE

„Woran erinnerst
du dich?“


SUGGESTIVE FRAGE

„Erinnerst du dich noch,
dass X passiert ist?“

Deshalb ist es bei unsicheren Erinnerungen oft klüger, zunächst so offen wie möglich zu erzählen, was man selbst noch weiß.

„Ich weiß es nicht mehr“ ist eine gültige Antwort

Wenn wir Lücken in einer Erinnerung haben, entsteht leicht der Drang, sie zu füllen.

Aber:

„Ich weiß dieses Detail nicht mehr.“

ist eine prima Antwort.

SICHER

„Daran erinnere
ich mich klar“


UNSICHER

„Ich glaube, es
war so“


NICHT MEHR WISSEN

„Daran erinnere
ich mich nicht“

Diese drei Kategorien auseinanderzuhalten macht eine Erinnerung nicht schwächer.

Es macht deine Beschreibung genauer.



Bei wichtigen Ereignissen kann dieses Schema helfen:

1. ERINNERUNG
Was sehe oder höre ich
in meinem Kopf?


2. SICHERHEIT
Welche Details weiß
ich sicher und welche nicht?


3. SPÄTERE EINFLÜSSE
Was habe ich nachträglich
gehört oder gelesen?


4. QUELLEN
Welche Dokumente oder
anderen Daten existieren?


5. INTERPRETATION
Was schließe ich heute?

Das Ziel ist nicht, jede persönliche Geschichte wie eine verdächtige Beweisführung zu behandeln.

Das Ziel ist Raum sowohl für Erinnerung als auch für Unsicherheit zu lassen.

Fragen zum Nachdenken

Welche Teile dieses Ereignisses erinnere ich selbst?

Welche Details sind klar und welche sind unsicher?

Welche Teile habe ich später von Eltern, Freunden oder anderen Menschen gehört?

Ist es möglich, dass ich eine Geschichte so oft gehört habe, dass sie sich wie meine eigene Erinnerung anfühlt?

Sind meine Erinnerung und meine heutige Interpretation dasselbe, oder kann ich sie voneinander trennen?

Welche Fotos, Briefe, Nachrichten, Tagebücher oder Dokumente aus dieser Zeit gibt es noch?

Was belegen diese Quellen wirklich und was nicht?

Habe ich vor allem offene Fragen bekommen oder wurden mir später viele Details nahegelegt?

Kann ich akzeptieren, dass zwei Menschen sich an dasselbe Ereignis unterschiedlich erinnern, ohne sofort zu entscheiden, dass einer von ihnen lügt?

Kann ich sagen „ich weiß es nicht mehr“, wenn mein Gedächtnis aufhört?

Und vielleicht die wichtigste:

Woran erinnere ich mich?

Was weiß ich?

Was habe ich später gehört?

Und was schließe
ich heute?

Zusammenfassung

Das menschliche Gedächtnis ist rekonstruktiv. Wenn wir uns an etwas erinnern, rufen wir nicht einfach eine perfekte Aufnahme ab. Verschiedene Elemente eines Ereignisses werden neu zusammengesetzt, und dabei können Details sich verändern, verschwinden oder manchmal aus anderen Quellen ergänzt werden. Forschung zu source monitoring, Suggestion und False Memories zeigt, wie solche Prozesse entstehen können.

Unter bestimmten experimentellen Bedingungen können Menschen sogar glauben oder erleben, dass ein autobiografisches Ereignis stattgefunden hat, das nicht stattgefunden hat. Gleichzeitig besteht noch Diskussion darüber, wie solche Erinnerungen genau zu klassifizieren sind und wie häufig verschiedene Formen davon entstehen.

Darum gelten zwei Warnungen zugleich:

Gedächtnis ist
nicht perfekt

        aber

Gedächtnis ist auch
nicht wertlos

Eine falsche Erinnerung ist kein Beweis fürs Lügen.

Eine lebendige Erinnerung ist kein automatischer Beweis dafür, dass jedes Detail stimmt.

Und Wissen über falsche Erinnerungen beweist nicht, dass eine bestimmte Erinnerung falsch ist.

Die sorgfältigste Haltung ist deshalb:

Ernimm Erinnerungen ernst, suche bei Bedarf nach zusätzlichen Quellen und lasse Raum für das, was du nicht mehr sicher weißt.

Quellen und Vertiefung

Marcia K. Johnson, Shahin Hashtroudi & D. Stephen Lindsay (1993), Source Monitoring, Psychological Bulletin, 114(1), 3–28. Klassische Theorie dazu, wie Menschen feststellen, woher mentale Informationen stammen, und wie Fehler bei der Quellenzuordnung zu falschen Erinnerungen beitragen können. Moderne neurokognitive Reviews bauen weiterhin auf diesem Modell auf.

Elizabeth F. Loftus und Forschung zum Misinformation Effect. Eine umfangreiche Forschungstradition zeigt, dass Informationen, die nach einem Ereignis gegeben werden, die spätere Erinnerung an dieses Ereignis beeinflussen können.

Ira E. Hyman & Joel Pentland (1996), The Role of Mental Imagery in the Creation of False Childhood Memories. Forschung zur Rolle von Vorstellungskraft und Elaborierung beim Entstehen autobiografischer False Memories. Eine spätere systematische Review bespricht diese und andere Studien und betont, dass vorgeschlagene Informationen oft mit vorhandenem persönlichem Wissen kombiniert werden.

Maria S. Zaragoza & Karen J. Mitchell (1996), Repeated Exposure to Suggestion and the Creation of False Memories. Experimentelle Forschung, in der wiederholte irreführende Suggestionen die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass Teilnehmende später mit Zuversicht berichteten, die vorgeschlagenen Informationen selbst wahrgenommen zu haben.

Murphy und Kollegen – jüngste Replikation und Debatte rund um Lost in the Mall. Neuere Studien bestätigen, dass autobiografische False Memories oder falsche Überzeugungen experimentell entstehen können, zeigen aber auch, dass die Prozentzahlen stark davon abhängen, wie Forschende eine „falsche Erinnerung“ definieren und klassifizieren.

Elizabeth Kensinger, Hae-Yoon Choi, Brendan Murray & Suparna Rajaram (2016), How Social Interactions Affect Emotional Memory Accuracy. Zur Frage, wie gemeinsames Erinnern Fehler korrigieren kann, aber auch zu einer social contagion of memory führen kann, bei der falsche Informationen von anderen in die eigene Erinnerung gelangen.

Debatte über den Umfang von Rich False Memories. Jüngere Veröffentlichungen betonen, dass sich Forschende nicht vollständig über Klassifikation und Prozentzahlen einig sind, wohl aber darüber, dass Suggestion unter bestimmten Bedingungen erhebliche Gedächtnisverzerrungen und falsche autobiografische Überzeugungen verursachen kann.