Wiedererkennbare Fragen
- Glauben Jehovas Zeugen an den freien Willen?
- Wenn Gott sagt, dass man selbst wählen darf, aber eine falsche Wahl letztlich zum Tod führen kann, ist das dann noch freier Wille?
- Kann ein Kind wirklich frei wählen, wenn Eltern es stark in Richtung einer Religion lenken?
- Was ist, wenn dieses Kind weiß, dass anders zu glauben später Folgen für Familie und Freunde haben kann?
- Was ist der Unterschied zwischen wählen können und sich frei fühlen zu wählen?
- Welche Rolle spielen Satan, Armageddon und das Paradies?
- Ist vor Konsequenzen zu warnen dasselbe wie jemanden unter Druck zu setzen?
- Wie frei ist die Taufe, wenn über Jahre hinweg eine bestimmte Lebensrichtung gefördert wird?
- Und wie findet man später heraus, ob man etwas wirklich glaubt oder vor allem Angst davor hat, was man verlieren könnte, wenn man sich anders entscheidet?
Was bedeutet freier Wille?
Der freie Wille nimmt im Glauben der Jehovas Zeugen einen wichtigen Platz ein. Menschen seien nicht als Roboter erschaffen worden. Jehova will nach ihrer Lehre, dass Menschen aus eigenem Antrieb ihn lieben und ihm gehorchen.
Josua 24:15 sagt zum Beispiel:
„Wählt euch heute selbst, wem ihr dienen wollt.“
Auch die Taufe gilt als persönliche Entscheidung. Jehovas Zeugen taufen keine Babys. Nach ihrer Lehre muss jemand selbst genügend verstehen, Glauben entwickeln, sich Jehova hingeben und sich dann für die Taufe entscheiden.
Der Gedanke dahinter ist klar:
Jehova zwingt niemanden, ihm zu dienen.
Aber was bedeutet „frei wählen“ eigentlich?
Stell dir vor, jemand sagt:
„Du darfst ganz frei wählen. Aber wenn du dich für Option B entscheidest, wirst du sterben.“
Technisch gesehen gibt es immer noch zwei Möglichkeiten. Niemand steuert deinen Körper und niemand hindert dich daran, Option B zu wählen.
In diesem Sinne besteht Wahlfreiheit.
Aber kaum jemand würde sagen, dass der angekündigte Tod keinen Einfluss auf die Entscheidung hat.
Darum ist es hilfreich, drei Fragen auseinanderzuhalten:
Kann ich wählen? Welche Folgen hat meine Wahl? Wie stark beeinflussen diese Folgen die Freiheit, mit der ich wähle?
Adam und Eva durften wählen
Die biblische Geschichte von Adam und Eva macht dieses Dilemma sichtbar.
Laut Genesis durften sie von den Bäumen im Garten essen, mit einer Ausnahme: dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Gott warnte Adam, dass er sterben würde, wenn er davon äße.
Es gab also eine Wahl.
Aus biblischer Sicht zerstört die Konsequenz den freien Willen nicht. Gott machte seine Norm und die Folge bekannt, und der Mensch entschied dann selbst.
Ein Gläubiger kann deshalb sagen:
„Freier Wille bedeutet nicht, dass jede Entscheidung die gleichen Folgen haben muss.“
Dieses Prinzip kennen wir auch außerhalb der Religion. Viele Entscheidungen haben Konsequenzen.
Trotzdem bleibt eine philosophische und psychologische Frage bestehen:
Wenn ein allmächtiger Gott festlegt, dass eine mögliche Entscheidung letztlich zum Tod führt, wie frei fühlt sich diese Entscheidung dann an?
Können und frei wählen sind nicht dasselbe
Jemand kann formal eine Wahl haben und gleichzeitig starken Druck verspüren, sich für eine Möglichkeit zu entscheiden.
Angst vor Verlust, Ablehnung, Strafe oder Gefahr kann schwer ins Gewicht fallen, ohne dass jemand buchstäblich gezwungen wird.
Darum ist es sinnvoll, zwischen formaler Wahlfreiheit und empfundener Wahlfreiheit zu unterscheiden.
Formal:
„Niemand hält mich auf. Ich kann nein sagen.“
Psychologisch:
„Nein zu sagen fühlt sich fast unmöglich an wegen dessen, was ich danach glaube, dass passieren wird.“
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ein Kind wählt nicht aus einer neutralen Position
Kein Kind wächst völlig unbeeinflusst auf.
Eltern vermitteln Werte, setzen Grenzen und lehren ihre Kinder, was sie für wichtig, gut und schlecht halten. Das geschieht in religiösen wie auch in nichtreligiösen Familien.
Ein Kind, das als Jehovas Zeuge erzogen wird, beginnt meist nicht damit, verschiedene Religionen und Weltanschauungen zu vergleichen.
Es lernt zunächst die Wirklichkeit seiner Familie kennen:
das ist Jehova, das ist die Bibel, das ist die Wahrheit und das ist, was Jehova von Menschen erwartet.
Das bedeutet nicht, dass ein Kind später keine eigene Entscheidung treffen kann.
Es bedeutet aber, dass diese Entscheidung eine lange Vorgeschichte hat.
Lenkende Eltern bedeuten nicht automatisch Zwang
Jeder Elternteil lenkt.
Ein JZ-Elternteil kann außerdem aufrichtig glauben, dass es das Beste ist, was er seinem Kind mitgeben kann, Jehova kennenzulernen.
Aus dieser Perspektive ist es logisch, dass Eltern hoffen, ihr Kind werde sich später selbst für Jehova entscheiden.
Die wichtige Frage ist deshalb nicht:
„Haben Eltern Einfluss?“
Den haben alle Eltern.
Spannender ist:
„Wie viel Raum empfindet ein Kind letztlich, anders zu denken als seine Eltern?“
Ein Kind ist von seinen Eltern abhängig
Darin unterscheidet sich ein Kind von einem unabhängigen Erwachsenen.
Eltern sind nicht einfach nur zwei Menschen mit einer Meinung. Ein Kind ist für Versorgung, Liebe, Sicherheit, Bestätigung und Verbundenheit von ihnen abhängig.
Darum kann ihre Zustimmung besonders schwer wiegen.
Ein Kind will nicht nur herausfinden, was wahr ist. Es will meistens auch zu seinen Eltern gehören und geliebt bleiben.
Das bedeutet nicht, dass ein Kind keinen eigenen Willen hat.
Aber seine Entscheidung findet innerhalb von Beziehungen statt, von denen es emotional und praktisch stark abhängig ist.
„Du darfst ganz allein entscheiden“
Ein Elternteil kann völlig aufrichtig sagen:
„Du musst letztlich selbst entscheiden, ob du Jehovah dienen willst.“
Und das auch wirklich so meinen.
Gleichzeitig sieht ein Kind schon von klein auf, welche Richtung geschätzt wird. Es besucht Zusammenkünfte, schaut Material für Kinder, geht vielleicht mit in den Predigtdienst, beantwortet Fragen und bekommt Lob für geistigen Fortschritt.
Später kann es ungetaufter Verkündiger werden und sich schließlich für die Taufe entscheiden.
Es lernt dadurch nicht nur:
„Ich darf wählen.“
sondern möglicherweise auch:
„Ich weiß, welche Wahl die Menschen, die ich liebe, sehr glücklich macht.“
Positive Bestätigung ist kein Zwang
Ein Kompliment ist kein Zwang.
Ein Elternteil, der hofft, dass sein Kind denselben Glauben annimmt, nimmt ihm dadurch nicht automatisch den freien Willen.
Auch ein Ältester, der begeistert auf geistigen Fortschritt reagiert, muss niemanden manipulieren.
Jeder wird von Erziehung, Kultur und Umfeld beeinflusst.
Darum ist die interessante Frage nicht:
„Bin ich beeinflusst?“
sondern:
„Wie viel Raum hatte ich, um letztlich zu einer anderen Schlussfolgerung zu kommen?“
Freiheit wird sichtbar bei der Antwort „nein“
Vielleicht wird Wahlfreiheit am deutlichsten, wenn wir nicht nur auf die gewünschte Antwort schauen.
Ein Jugendlicher, der sagt:
„Ich möchte ungetaufter Verkündiger werden,“
wird in einer JW-Familie meist positive Reaktionen bekommen.
Aber was, wenn derselbe Jugendliche sagt:
„Ich möchte erstmal nicht weitermachen. Ich weiß eigentlich nicht, ob ich glaube, dass das die Wahrheit ist.“
Kann er in Ruhe zweifeln? Schwierige Fragen stellen? Informationen prüfen, die vielleicht eine andere Schlussfolgerung stützen? Kann er schließlich sagen:
„Ich glaube das nicht“?
Und bleiben Liebe, Sicherheit und Verbundenheit bestehen?
Freiheit zeigt sich nicht nur in der Möglichkeit, ja zu sagen, sondern auch in der Sicherheit, mit der jemand nein sagen kann.
Woran denkt ein Kind, das etwas verlieren könnte?
Ein Kind kann wissen, dass religiöse Entscheidungen später Folgen für wichtige Beziehungen haben können.
Wenn Familie, Freunde und das soziale Leben weitgehend innerhalb der Versammlung liegen, kann ein anderer Glaube viel mehr bedeuten als eine Meinungsverschiedenheit.
Je nach Situation und Entscheidungen können sich Beziehungen verändern. Vor allem nach der Taufe können bestimmte Entscheidungen große soziale Folgen haben.
Ein Elternteil muss nie wörtlich sagen:
„Wenn du anders glaubst, verlierst du uns.“
Die Eltern können ihr Kind aufrichtig lieben und überhaupt nicht bewusst mit Verlust drohen.
Aber für das Erleben des Kindes können mögliche Folgen trotzdem schwer wiegen.
Zwei Möglichkeiten mit unterschiedlichem emotionalen Gewicht
Die eine Lebensrichtung kann verbunden sein mit:
Jehovah, der Wahrheit, dem Stolz der Eltern, Anerkennung aus der Versammlung, geistigem Fortschritt, dem Paradies, ewigem Leben und dem Erhalt der Gemeinschaft.
Die andere mit:
der Welt, Satan, Enttäuschung, geistiger Gefahr, Armageddon und möglicherweise Veränderung oder Verlust wichtiger Beziehungen.
Nicht jedes JW-Kind erlebt das gleich, und Eltern müssen diese Faktoren nicht bewusst als Druckmittel einsetzen.
Aber wenn so vieles gleichzeitig vorhanden ist, können formal zwei Entscheidungen bestehen, obwohl sie nicht dasselbe emotionale Gewicht haben.
Wann wird Beeinflussung zu Druck?
Es gibt keine scharfe Grenze, ab der normale Glaubenserziehung plötzlich zu „kein freier Wille“ wird.
Einfluss, Lenkung, sozialer Druck und Zwang sind unterschiedliche Dinge.
Darum ist:
„Ein JW-Kind hat keinen freien Willen“
zu pauschal.
Ein Kind kann selbst nachdenken und aufrichtig Jehovah dienen wollen.
Man kann aber untersuchen, wie viel erlebte Wahlfreiheit tatsächlich vorhanden ist:
Darf es zweifeln, Fragen stellen, verschiedene Quellen prüfen und schließlich zu einer anderen Schlussfolgerung kommen?
Je schwieriger oder kostspieliger eine mögliche Schlussfolgerung wird, desto relevanter ist diese Frage.
Freier Wille betrifft auch, was „nein“ kostet
Freier Wille geht nicht nur um:
„Darf ich Nein sagen?“
sondern auch um:
„Wovon glaube ich, dass ich es verliere, wenn ich Nein sage?“
Dieser Verlust kann sich später als kleiner als erwartet herausstellen, nur teilweise eintreten oder tatsächlich groß sein.
Für die Entscheidung selbst ist jedoch auch die Erwartung des Verlusts wichtig.
Jemand, der viel zu verlieren erwartet, kann dieselbe formale Entscheidung ganz anders erleben als jemand, für den beide Möglichkeiten sozial und emotional sicher sind.
Armageddon macht die Entscheidung größer
Bei Jehovas Zeugen steht die Entscheidung, Jehova zu dienen, nicht losgelöst von ihrer Zukunftserwartung.
Sie glauben, dass Gottes Königreich dem gegenwärtigen gottlosen System schließlich ein Ende setzen wird und dass Treue zu Jehova mit der Hoffnung auf ewiges Leben verbunden ist.
Für einen überzeugten erwachsenen Zeugen ist das kein Drohmittel, sondern Realität.
Aus dieser Perspektive kann die Warnung vor Armageddon liebevoll gemeint sein: Wer wirklich glaubt, dass Gefahr droht, warnt Menschen, die er liebt.
Psychologisch bleibt jedoch die Frage:
Was geschieht mit der Freiheit, mit der jemand seinen Glauben prüft, wenn er wirklich denkt, dass eine falsche Lebensentscheidung ihm am Ende sein Leben kosten kann?
Für ein Kind ist das besonders groß
Ein Kind lernt möglicherweise schon früh über Jehova, Satan, Armageddon und das Paradies.
Es kann lernen, dass Jehova die Menschen liebt und ihnen freien Willen gegeben hat, aber auch, dass Satan Menschen von Jehova wegzuziehen versucht, die Welt unter seinem Einfluss steht, Gott dem gegenwärtigen System ein Ende machen wird und treue Anbeter ewiges Leben erhalten können.
Dadurch kann ein starker Kontrast entstehen:
Jehova → Sicherheit → Paradies → ewiges Leben
gegenüber:
Satan und die Welt → Gefahr → Armageddon → Tod
Das bedeutet nicht, dass Eltern bewusst Angst erzeugen wollen.
Sie können vielmehr glauben, dass sie ihr Kind schützen.
Aber für die Entwicklung bleibt die Frage relevant:
Wie viel emotionales Gewicht bekommt dadurch die Entscheidung, die später „frei“ getroffen werden soll?
Kann man frei prüfen, wenn die falsche Schlussfolgerung den Tod bedeuten kann?
Stell dir vor, jemand beginnt zu zweifeln und will ehrlich prüfen:
„Ist das wirklich wahr?“
Gleichzeitig können Gedanken auftauchen:
„Was, wenn mein Zweifel von Satan beeinflusst wird?“
„Was, wenn ich Jehova verlasse?“
„Was, wenn Armageddon kommt und ich falsch entschieden habe?“
Dann geht es bei der Prüfung nicht nur um Argumente und Fakten.
Für diese Person steht in ihrer Wahrnehmung letztlich ihr Leben auf dem Spiel.
Das bedeutet nicht, dass Angst rationales Denken unmöglich macht.
Sie kann aber beeinflussen, welche Informationen jemand sich traut anzusehen, wie viel Unsicherheit er aushält und wie sicher es sich anfühlt, wirklich offen zu lassen, zu welchem Schluss die eigene Prüfung führt.
„Jede Entscheidung hat Konsequenzen“
Ein Zeuge Jehovas kann innerhalb seines Glaubens zu Recht sagen:
„Freier Wille bedeutet nicht Freiheit von Konsequenzen.“
Aus dieser Perspektive teilt Jehova den Menschen einfach mit, was die Realität ist und welcher Lebensweg seiner Ansicht nach zum Leben führt.
Die Warnung ist dann keine Bedrohung, sondern Schutz.
Diese Perspektive verdient einen Platz in der Diskussion.
Aber für jemanden, der gerade versucht zu prüfen ob diese Vorstellung der Realität stimmt, entsteht eine besondere Situation:
Er muss beurteilen, ob die Warnung wahr ist, während er zugleich gelernt hat, dass es lebensgefährlich sein kann, zu dem Schluss zu kommen, dass sie es nicht ist.
Ein Gedankenexperiment
Stell dir vor, du dürftest dieselbe Glaubensentscheidung noch einmal treffen, aber ohne die Folgen, die du fürchtest:
kein Armageddon, wenn du zum falschen Schluss kommst, kein Paradies, das du verpassen könntest, keine Angst vor Gottes Missbilligung und kein Verlust von Familie oder Freunden, wenn du anders glaubst.
Du darfst alles prüfen und beide Schlussfolgerungen sind sozial sicher.
Frag dich dann:
„Würde ich mich immer noch für denselben Glauben entscheiden?“
Wenn die Antwort überzeugend ja lautet, sagt das etwas Wichtiges aus.
Wenn sich deine Antwort verändert oder du es nicht weißt, beweist das nicht, dass Jehovas Zeugen Unrecht haben.
Es zeigt aber, dass die erwarteten Folgen Teil deiner Entscheidung geworden sind.
„Die Wahrheit“ beeinflusst die Entscheidung
Ein Kind lernt oft nicht nur:
„Das ist der Glaube meiner Eltern.“
sondern:
„Das ist die Wahrheit.“
Dadurch kann sich die spätere Frage nicht nur so anfühlen:
„Glaube ich noch an die Religion, in der ich aufgewachsen bin?“
sondern:
„Bleibe ich in der Wahrheit oder verlasse ich die Wahrheit?“
In dieser Formulierung ist bereits eine Schlussfolgerung als Wahrheit benannt.
Die andere Möglichkeit wird damit mehr als nur eine andere Überzeugung: Sie wird zum Verlassen von etwas, das wahr ist.
Und außerhalb davon liegt „die Welt“
Auf der anderen Seite steht innerhalb der JW-Sprache „die Welt“.
Jehovas Zeugen lehren, dass Christen keinen Teil der Welt sein sollen und dass die Welt unter dem Einfluss Satans steht.
Für jemanden, der damit aufwächst, kann ein anderer Lebensweg dadurch viel größer wirken als:
„Ich entscheide mich für eine andere Weltanschauung.“
Es kann sich emotional anfühlen wie eine Bewegung von der Wahrheit in die Welt, von Jehovas Seite in eine von Satans Einfluss geprägte Welt und von der Hoffnung auf ewiges Leben zur möglichen Vernichtung.
Nicht jeder erlebt das gleich.
Aber für jemanden, der diese Überzeugungen tief glaubt, kann das Gewicht groß sein.
Freier Wille und das Gewissen
Ein Kind kann anfangs von Eltern, Zusammenkünften, Videos und anderen Erwachsenen hören:
„Was würde Jehova davon halten?“
Mit der Zeit muss das niemand mehr sagen.
Das Kind stellt die Frage selbst.
Die Norm ist internalisiert.
Das ist nicht automatisch ungesund. Alle Kinder internalisieren Normen.
Es bedeutet aber, dass Einflüsse von außen irgendwann wie eine vollständig eigene innere Stimme wirken können.
Darum können zwei Aussagen gleichzeitig wahr sein:
„Das war wirklich meine Entscheidung.“
und:
„Meine Erziehung hat stark geprägt, welche Entscheidung sich für mich selbstverständlich anfühlte.“
Sozialisation
In der Psychologie nennt man den breiteren Prozess, bei dem Menschen Normen, Werte, Sprache und Überzeugungen aus ihrer Umgebung lernen, Sozialisation.
Das geschieht in jeder Familie und jeder Kultur.
Die relevante Frage ist deshalb nicht:
„Bin ich sozialisiert worden?“
sondern:
„Habe ich später Raum, das, was selbstverständlich geworden ist, noch einmal zu hinterfragen?“
„Ich wollte es wirklich selbst“
Das gilt auch für die Taufe.
Ein Jugendlicher kann vollkommen aufrichtig sagen:
„Ich möchte mich taufen lassen.“
Dieser Wunsch muss nicht unecht oder erzwungen sein.
Aber ein aufrichtiger Wunsch kann zugleich durch jahrelange Erziehung geprägt sein. Das passiert auch außerhalb von Religion.
Darum muss:
„Ich wollte es selbst“
nicht das Ende der Untersuchung sein.
Man kann auch fragen:
„Wie ist das entstanden, was ich selbst wollte?“
Die Taufe macht freien Willen besonders wichtig
Jehovas Zeugen taufen keine Babys, aber Minderjährige können durchaus getauft werden.
Nach der Lehre ist diese Entscheidung freiwillig und persönlich.
Davor können bereits jahrelange kleinere Schritte stehen: Bibelunterricht zu Hause, Zusammenkünfte, Antworten geben, Predigtdienst, persönliches Studium, geistliche Ziele und möglicherweise ungetaufter Verkündiger werden.
Keiner dieser Schritte muss für sich genommen erzwungen sein.
Zusammen können sie jedoch eine klare Entwicklungsrichtung bilden:
„Dorthin wächst du hinein.“
Ein Jugendlicher kann also wirklich selbst die Entscheidung für die Taufe treffen und zugleich stark von seinem Umfeld geprägt sein.
Diese beiden Dinge schließen einander nicht aus.
Freier Wille gilt auch nach der Taufe
Eine Entscheidung ist nicht nur frei, wenn jemand sie treffen darf.
Ebenso wichtig ist, was geschieht, wenn jemand sie später überdenken will.
Jemand kann sich als Jugendlicher vollkommen überzeugt für die Taufe entscheiden und Jahre später, nach neuen Erfahrungen oder Nachforschungen, zu einer anderen Schlussfolgerung kommen.
Ist auch diese zweite Entscheidung Teil seines freien Willens?
Darum kann man nicht nur fragen:
„Wie frei war ich, Ja zu sagen?“
sondern auch:
„Wie frei fühlte ich mich später, Nein zu sagen?“
Die Freiheit, Ja zu sagen, ist nicht automatisch dasselbe wie die Freiheit, dieses Ja später noch einmal zu überprüfen.
Wenn Andersdenken Menschen etwas kosten kann
Wenn fast das gesamte soziale Netzwerk einer Person innerhalb der Gemeinde liegt, ist der Glaube mit Familie, Freunden, Identität und Gemeinschaft verflochten.
Nicht jeder ehemalige Zeuge Jehovas verliert alle. Die Folgen unterscheiden sich stark.
Aber wenn jemand erwartet, Eltern, Kinder, Brüder, Schwestern oder Freunde möglicherweise anders oder weniger zu sehen, kann das schwer ins Gewicht fallen.
Die Entscheidung besteht weiterhin.
Aber der Preis der Entscheidung kann beeinflussen, wie frei sich diese Entscheidung anfühlt.
Die Erwartung von Ausgrenzung kann schon mitwirken
Nicht nur tatsächliche Ausgrenzung ist relevant.
Auch die Erwartung:
„Was passiert mit meiner Familie, meinen Freunden und meiner Gemeinschaft, wenn ich anders zu glauben beginne?“
kann schon Einfluss haben, bevor jemand eine Entscheidung trifft.
In der Psychologie nennt man soziales Ausstoßen oder Ignorieren Ostrakismus. Langfristige soziale Ausgrenzung kann grundlegende Bedürfnisse berühren wie Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und das Gefühl, dazuzugehören.
Das bedeutet nicht, dass soziale Folgen den freien Willen vollständig aufheben.
Sie sind jedoch Teil der Umstände, unter denen die Entscheidung stattfindet.
Sozialer Einfluss muss kein Zwang sein
Viele Formen menschlicher Beeinflussung geschehen ohne Befehl, Strafe oder ausdrückliche Drohung.
Wir achten darauf, was wichtige Menschen von uns halten, welches Verhalten Anerkennung bekommt, was innerhalb unserer Gruppe als normal gilt und welche Entscheidungen andere treffen.
Das geschieht überall: in Familien, Freundeskreisen, Schulen, Unternehmen, Sportvereinen und religiösen Gemeinschaften.
Darum sind:
„Mein Umfeld hat meine Entscheidung beeinflusst“
und:
„Mein Umfeld hat mich gezwungen“
nicht dasselbe.
Zwischen vollständiger Autonomie und Zwang liegt ein großes Feld der sozialen Einflussnahme.
Was, wenn sich jemand nach dem Nachdenken wieder für Jehova entscheidet?
Freies Nachdenken muss nicht zum Ausstieg führen.
Jemand kann als Zeuge Jehovas aufgewachsen sein, als Erwachsener seine Überzeugungen kritisch prüfen und anschließend sagen:
„Ich habe mir andere Möglichkeiten angesehen und glaube immer noch, dass dies die Wahrheit ist. Ich möchte ein Zeuge Jehovas bleiben.“
Diese Entscheidung kann sich sogar persönlicher anfühlen, weil die Person weiß, dass sie sich selbst die Erlaubnis gegeben hat, auch ein anderes Ergebnis ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Freiheit bedeutet also nicht, dass jemand seinen Glauben verlassen muss.
Sie bedeutet, dass das Ergebnis des Nachdenkens nicht von vornherein feststehen muss.
Und wenn sich die Schlussfolgerung ändert?
Jemand kann auch zu einer anderen Schlussfolgerung kommen.
Er kann weiterhin an Jehova glauben, aber anders über die Organisation denken, sich für eine andere Form des Christentums entscheiden, agnostisch oder atheistisch werden oder sagen:
„Ich weiß es nicht.“
Keine dieser Antworten beweist für sich allein, dass jemand freier oder klüger gedacht hat.
Wichtiger ist:
Konnte die Person wirklich nachforschen, zweifeln, Informationen vergleichen und auch eine Schlussfolgerung zulassen, die ihr Umfeld nicht erhofft hatte?
Angst kann bleiben, nachdem sich Überzeugungen verändert haben
Manche ehemaligen Zeugen Jehovas glauben rational nicht mehr an Armageddon, können aber bei Krieg, Naturkatastrophen oder Weltgeschehen trotzdem plötzlich denken:
„Was, wenn sie recht haben?“
Dieses Gefühl beweist nicht automatisch, dass jemand tief im Inneren weiß, dass der Glaube wahr ist.
Eine Bedrohung, die jahrelang als real erlebt wurde, kann eine starke emotionale Verknüpfung hinterlassen.
Eine rationale Überzeugung kann sich schneller ändern als eine automatische Angstreaktion.
Dann kann es helfen zu unterscheiden zwischen:
Was fühle ich? Was habe ich gelernt? Was glaube ich heute, und worauf stütze ich das?
Wenn solche Angst stark bleibt oder das tägliche Funktionieren beeinträchtigt, kann professionelle psychologische Hilfe angebracht sein.
Freiheit ist nicht automatisch das Gegenteil zu tun
Zu entdecken, wie viel Einfluss die eigene Erziehung hatte, bedeutet nicht, danach automatisch das Gegenteil wählen zu müssen.
Wenn jemand früher A getan hat, weil die Versammlung A erwartete, und jetzt automatisch B tut, um sich gegen die Versammlung abzugrenzen, bestimmt dieselbe alte Gegenüberstellung immer noch die Entscheidung.
Freiheit kann gelassener sein:
„Ich prüfe A und B noch einmal. Danach entscheide ich, was ich glaube und welche Wahl zu meinen Werten passt.“
Vielleicht behält man vieles aus der Erziehung bei. Vielleicht verändert sich vieles. Vielleicht kommt man wieder bei derselben Überzeugung heraus.
Freier Wille schreibt kein Ergebnis vor.
Wann ist eine Entscheidung wirklich frei?
Völlig unbeeinflusst zu entscheiden gibt es wahrscheinlich nicht.
Niemand kann Erziehung, Kultur, Erfahrungen, Emotionen und Beziehungen einfach ausschalten.
Darum ist ein besserer Maßstab vielleicht nicht:
„Hat mich niemand beeinflusst?“
sondern:
„Kann ich meine Einflüsse erkennen und meine Überzeugung trotzdem neu prüfen?“
Kannst du Informationen ansehen, die deiner Überzeugung möglicherweise widersprechen? Darfst du zweifeln, ohne dich sofort als schlecht zu sehen? Kannst du eine andere Schlussfolgerung in Betracht ziehen, ohne dass Angst die Prüfung beendet? Kannst du unterscheiden zwischen dem, was du glaubst, und dem, was du fürchtest? Kannst du anders denken als deine Eltern, ohne Angst zu haben, ihre Liebe zu verlieren?
Je mehr Raum dafür besteht, desto eher kann eine endgültige Entscheidung tatsächlich als deine Entscheidung erlebt werden.
Fragen zum Nachdenken
- Was bedeutete „freier Wille“ in meiner Erziehung?
- Welche Glaubensentscheidung wurde seit meiner Kindheit am stärksten gefördert?
- Wie reagierten meine Eltern, wenn ich geistliche Fortschritte machte?
- Wie reagierten sie, wenn ich zweifelte oder etwas nicht wollte?
- Konnte ich mir als Kind wirklich vorstellen, später kein Zeuge Jehovas zu werden?
- Was dachte ich, würde passieren, wenn ich Jehova nicht dienen würde?
- Welche Rolle spielten Satan, Armageddon und das Paradies bei meinen Entscheidungen?
- Hatte ich das Gefühl, meine Eltern oder andere wichtige Menschen enttäuschen zu können?
- Dachte ich, dass anders zu glauben Auswirkungen auf meine Beziehungen haben könnte?
- War ich vor allem frei, „Ja“ zu sagen, oder fühlte ich mich auch sicher genug, „Nein“ zu sagen?
- Wenn ich getauft bin: Wie alt war ich und was verstand ich damals von der Bedeutung und den möglichen Folgen?
- Fühlte ich mich später genauso frei, meine Entscheidung noch einmal zu prüfen, wie ich mich früher frei fühlte, sie zu treffen?
- Würde ich dieselbe Glaubensentscheidung treffen, wenn Armageddon, das Paradies und mögliche soziale Folgen keine Rolle spielten?
- Woran glaube ich, wenn ich versuche, die Angst vor den Folgen von der Frage zu trennen, was wahr ist?
- Welche Überzeugungen fühlen sich wirklich wie meine eigenen an, und welche sind so selbstverständlich geworden, dass ich sie nie getrennt untersucht habe?
- Wenn niemand, den ich liebe, enttäuscht wäre, wenn sich mein Schluss verändert, würde ich dann dasselbe glauben?
- Und wenn ich mich nach freiem Nachdenken erneut für Jehovah entscheide, fühlt sich diese Entscheidung dann vielleicht noch mehr nach mir selbst an?
Zusammenfassung
Jehovah’s Zeugen glauben, dass Jehovah den Menschen den freien Willen gegeben hat und niemanden dazu zwingt, ihm zu dienen.
Aus dieser Glaubensauffassung bedeutet freier Wille nicht, dass jede Entscheidung die gleichen Folgen hat. Menschen dürfen wählen, sind aber auch für ihre Entscheidungen verantwortlich.
Gleichzeitig wählt ein Kind nicht aus einer neutralen Position heraus. Es wächst bei Eltern auf, von denen es abhängig ist, lernt, was sie für Wahrheit halten, erlebt, welche Entscheidungen gefördert werden, und baut oft einen großen Teil seiner sozialen Welt innerhalb derselben Gemeinschaft auf.
Dazu können Überzeugungen über Satan, Armageddon, das Paradies und ewiges Leben kommen. Später kann zudem das Bewusstsein entstehen, dass ein anderer Glaube Folgen für wichtige Beziehungen haben kann.
Keiner dieser Faktoren beweist für sich allein, dass eine Entscheidung nicht freiwillig war.
Zusammen bilden sie jedoch die sozialen, emotionalen und religiösen Umstände, unter denen diese Entscheidung getroffen wird.
Freier Wille geht deshalb nicht nur darum:
„Konnte ich wählen?“
sondern auch:
„Was glaubte ich, würde passieren, wenn ich anders wählte?“
Und vielleicht noch grundlegender:
„Durfte ich nur selbst wählen — oder fühlte ich mich auch sicher genug, anders zu wählen als meine Eltern und meine Glaubensgemeinschaft?“
Dahinter steht letztlich die persönliche Forschungsfrage:
„Wenn ich keine Angst vor Gottes Missfallen, Armageddon, dem Tod oder dem Verlust der Menschen, die ich liebe, haben müsste, was würde ich dann wirklich glauben?“
Quellen und Vertiefung
Neue-Welt-Übersetzung – Genesis 2:16, 17; Deuteronomium 30:19, 20; Josua 24:15; Johannes 17:14-16; 1 Johannes 5:19; 1 Petrus 5:8. Bibeltexte über Wahl, Gehorsam, die Welt und Satan.
Jehovah’s Zeugen – Publikationen über den freien Willen und warum Gott den Menschen den freien Willen gegeben hat. Zur JG-Auffassung, dass Menschen sich freiwillig für Jehovah entscheiden müssen.
Jehovah’s Zeugen – Publikationen über Armageddon, ewiges Leben und das Paradies. Hintergrund zu den Folgen, die innerhalb der Glaubenslehre mit Lebensentscheidungen verbunden werden.
Jehovah’s Zeugen – Publikationen über Taufe, persönliche Hingabe an Jehovah und Glaubenserziehung. Über die persönliche Glaubensentscheidung und die Taufe.
Werde Jehovahs Freund – Material für Kinder über Entscheidungen und Jehovah Freude machen. Beispiele für Glaubenserziehung und religiöse Entscheidungen bei Kindern.
Watchtower Online Library – Publikationen über freien Willen, Jugend, Taufe und geistige Ziele. Weiterer religiöser Hintergrund.
Albert Bandura – Social Learning Theory. Über Lernen durch Beobachtung, Vorbilder und das soziale Umfeld.
Edward L. Deci & Richard M. Ryan – Self-Determination Theory. Über Autonomie, Motivation und erlebte Wahlfreiheit.
Roy F. Baumeister & Mark R. Leary – The Need to Belong. Über Zugehörigkeit als grundlegendes menschliches Bedürfnis.
Kipling D. Williams – Forschung zu Ostrakismus und sozialer Ausgrenzung. Über die Auswirkungen von Ausgrenzung auf Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und Sinn.
Weiterlesen
Die Wahrheit – Was macht es mit einer Entscheidung, wenn eine Überzeugung von klein auf als „die Wahrheit“ bezeichnet wird?
Taufe – Wann wird eine persönliche Glaubensentscheidung zu einer religiösen Bindung?
Glaubenserziehung – Wie wird der Glaube eines Kindes von klein auf geprägt?
Gewissen – Wie entsteht die innere Stimme, mit der man die eigenen Entscheidungen beurteilt?
Satan – Welchen Einfluss kann der Glaube an Satan und geistige Gefahr auf Entscheidungen haben?
Ächtung – Was geschieht, wenn eine spätere Glaubensentscheidung auch soziale Folgen hat?
Weltlich – Was macht der Gegensatz zwischen „der Wahrheit“ und „der Welt“ mit der erlebten Wahlfreiheit?
Ostrakismus – Was macht langanhaltende soziale Ausgrenzung mit einem Menschen?
Sozialisierung – Wie werden Normen, Werte und Überzeugungen Teil dessen, was sich selbstverständlich anfühlt?
Sozialer Einfluss – Wie beeinflussen andere Menschen unsere Entscheidungen, ohne dass es Zwang geben muss?