Vertraute Fragen

- Erkennst du das, dass sich manche Überzeugungen oder Reaktionen so vertraut anfühlen, dass du sie fast automatisch übernimmst?

- Ist dir schon einmal aufgefallen, dass sich eine bestimmte Denkweise erst dann fremd anfühlt, wenn du bewusst Abstand davon nimmst?

- Erkennst du die Spannung zwischen etwas, das jahrelang vertraut war, und etwas Neuem, das sich noch ungewohnt anfühlt?

- Fragst du dich manchmal, ob sich etwas für dich wahr anfühlt oder vor allem deshalb bekannt ist, weil du es oft gehört hast?

- Welche Ideen in deinem Leben sind vor allem durch Wiederholung vertraut geworden?

- Was ist Lernen durch Wiederholung?

Unser Gehirn lernt ständig.

Durch:

  • Wiederholung;

  • Übung;

  • Beobachtung;

  • Feedback;

  • Erfahrung;

  • aktives Abrufen.

Je öfter wir bestimmte Informationen nutzen oder ihnen begegnen, desto leichter sind sie in der Regel abrufbar.

Das sieht man bei Fähigkeiten:

Fahrrad fahren

Auto fahren

tippen

eine Sprache sprechen

ein Musikinstrument spielen

Aber auch Wörter, Überzeugungen und feste Denkmuster können durch Wiederholung immer vertrauter werden.

Wiederholung
   ↓
Wiedererkennen
   ↓
Vertrautheit
   ↓
schneller im Gedächtnis verfügbar
   ↓
kann selbstverständlich wirken

Automatisierung

Wenn wir etwas oft üben, müssen wir meistens immer weniger bewusst darüber nachdenken.

Psychologen nennen das Automatisierung.

Die erste Fahrstunde erfordert viel Aufmerksamkeit:

Kupplung

Spiegel

Gang

Verkehr

Nach Jahren des Fahrens laufen viele Handlungen fast von selbst ab.

Dasselbe Prinzip gilt für bestimmte mentale Prozesse.

Eine Antwort, die du hunderte Male gehört hast, kann schneller in deinem Kopf auftauchen als eine Antwort, über die du noch nie nachgedacht hast.

Das bedeutet nicht, dass beide Prozesse genau dasselbe sind.

Eine motorische Fertigkeit und eine Überzeugung werden nicht auf exakt dieselbe Weise gelernt.

Aber bei beiden spielt Wiederholung eine wichtige Rolle dabei, wie leicht etwas verfügbar wird.

Vertraut fühlt sich oft leichter an

Unser Gehirn verarbeitet bekannte Informationen in der Regel leichter als völlig neue Informationen.

Das kann eine wichtige Wirkung haben.

Wenn eine Aussage mehrfach wiederholt wird, kann sie manchmal glaubwürdiger wirken, selbst wenn die Wiederholung für sich genommen keinen neuen Beweis liefert.

Das ist als der illusory truth effect bekannt.

„Ich höre das wieder“
       ↓
„Das kommt mir bekannt vor“
       ↓
„Das lässt sich leicht verarbeiten“
       ↓
„Es wirkt plausibel“

Darum ist es wichtig, zu unterscheiden zwischen:

VERTRAUT
=
ich habe das oft gehört

und

WAHR
=
es gibt ausreichende Beweise dafür

Diese beiden können zusammenfallen.

Aber sie müssen es nicht.

Ein einfaches Beispiel

Stell dir vor, jemand hört jahrelang:

„Menschen aus Gruppe X sind nicht vertrauenswürdig.“

Nach vielen Wiederholungen kann diese Aussage vertraut klingen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass jemand bewusst beschlossen hat, diesen Gedanken zu übernehmen.

Die Botschaft wurde einfach oft vermittelt.

Wenn die Person später jemanden aus Gruppe X trifft, kann die alte Assoziation schneller auftauchen als eine neue, neutralere Einschätzung.

oft gehörte Botschaft
       ↓
starke Assoziation
       ↓
neue Situation
       ↓
alter Gedanke taucht schnell auf

Darum kann es manchmal nötig sein, bewusst noch einmal neu hinzuschauen.

Wie werden Überzeugungen gelernt?

Überzeugungen entstehen selten durch einen einzigen Satz.

Sie können durch eine Kombination von Folgendem geprägt werden:

  • was Eltern sagen;

  • was Freunde glauben;

  • Bildung;

  • Bücher;

  • Predigten oder Vorträge;

  • Beispiele anderer;

  • Belohnung und Missbilligung;

  • persönliche Erfahrungen;

  • Wiederholung.

Wenn dieselbe Erklärung jahrelang aus verschiedenen Richtungen wiederkehrt, wird sie Teil des vertrauten Weltbilds.

gleiche Botschaft
zu verschiedenen Zeiten
        ↓
immer dieselbe Erklärung
        ↓
immer vertrauter
        ↓
„so ist die Welt eben“

Das ist nicht spezifisch religiös.

Es geschieht in Familien, Kulturen, politischen Bewegungen, Schulen, Unternehmen und anderen Gruppen.

Wie kann das innerhalb von Jehovah’s Getuigen wiedererkennbar sein?

Jehovah’s Getuigen haben ein umfassendes religiöses Bildungsprogramm.

Mitglieder besuchen Zusammenkünfte, lesen und besprechen Publikationen, hören Vorträge, beantworten Fragen und sprechen mit anderen über ihren Glauben.

Viele Kerngedanken kehren dabei regelmäßig wieder.

Zum Beispiel Themen rund um:

  • Jehovah;

  • Gottes Königreich;

  • Armageddon;

  • die Welt;

  • Satan;

  • Gehorsam;

  • die Organisation;

  • Predigtdienst;

  • die neue Welt.

Das muss für sich genommen nichts Ungewöhnliches sein.

Auch andere Religionen, Schulen und Organisationen wiederholen wichtiges Wissen.

Wiederholung ist schließlich eine normale Art des Lernens.

Psychologisch interessant wird es, wenn sich jemand später fragt:

Warum fühlt sich diese Schlussfolgerung so unmittelbar selbstverständlich an?

Eine mögliche Antwort lautet:

Weil ich sie nicht einmal gehört habe, sondern jahrelang in vielen verschiedenen Situationen.

Versammlung
   +
Studium
   +
Vortrag
   +
Predigtdienst
   +
Gespräche
   +
Publikationen
       ↓
dieselben Grundideen
werden immer zugänglicher

Das sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, ob diese Ideen wahr oder falsch sind.

Es erklärt aber, warum sie tief vertraut werden können.

Warum kann sich neue Information zunächst fremd anfühlen?

Neue Information muss mit dem konkurrieren, was bereits bekannt ist.

Stell dir vor, du hast zwanzig Jahre lang eine Erklärung gehört und liest heute zum ersten Mal eine andere Deutung.

Dann ist es nicht ungewöhnlich, wenn die alte Erklärung sofort logischer wirkt.

Dein Gehirn kennt diesen Weg.

ALTE ERKLÄRUNG

oft gehört
↓
vertraut
↓
schnell zugänglich
↓
wirkt logisch


NEUE ERKLÄRUNG

gerade erst gehört
↓
unbekannt
↓
erfordert mehr Aufmerksamkeit
↓
wirkt ungewohnt

Dieses ungewohnte Gefühl beweist nicht, dass die neue Information falsch ist.

Aber es beweist auch nicht, dass die alte Information falsch ist.

Es bedeutet vor allem:

Mein Gehirn kennt die eine Geschichte viel besser als die andere.

Darum hilft es, neue Informationen nicht nur danach zu beurteilen:

„Fühlt sich das richtig an?“

sondern auch danach:

„Welche Beweise stützen das?“

Wiederholung und Emotion

Wiederholung wird stärker, wenn eine Botschaft mit Emotion verknüpft ist.

Denke an Botschaften, die mit Folgendem zusammenhängen:

  • Angst;

  • Hoffnung;

  • Schuld;

  • Sicherheit;

  • Liebe;

  • Ablehnung;

  • Rettung;

  • Verlust.

Eine Botschaft wie:

„Pass auf.“

kann stärker haften bleiben, wenn jemand gleichzeitig Angst empfindet.

Eine Botschaft wie:

„Das ist der Weg zum ewigen Leben.“

kann durch ihre Verbindung mit Hoffnung zusätzliche Bedeutung bekommen.

BOTSCHAFT
   +
WIEDERHOLUNG
   +
STARKE EMOTION
       ↓
kann besonders
einprägsam werden

Das bedeutet immer noch nicht, dass emotional geprägte Überzeugungen automatisch falsch sind.

Es bedeutet, dass emotionale Aufladung Einfluss darauf haben kann, wie stark Informationen gespeichert und abgerufen werden.

Warum kommen manche Antworten automatisch?

Wenn dieselbe Frage jahrelang immer mit derselben Antwort beantwortet wird, kann sich eine schnelle geistige Verknüpfung bilden.

Zum Beispiel:

„Warum wird die Welt schlechter?“
        ↓
feste Antwort

„Warum werden wir verfolgt?“
        ↓
feste Antwort

„Warum zweifelt jemand?“
        ↓
feste Antwort

Mit der Zeit muss jemand vielleicht kaum noch bewusst verschiedene Erklärungen vergleichen.

Die Antwort liegt schon bereit.

Das passiert übrigens überall.

Eine politische Partei, Familie, Berufsgruppe oder Freundesgruppe kann genauso feste Erklärungen entwickeln.

Die wichtige Frage ist deshalb nicht:

Habe ich automatische Antworten?

Die haben wir alle.

Die wichtigere Frage ist:

Kann ich sie noch überprüfen?

Kann man neu lernen?

Ja.

Unser Gehirn bleibt ein Leben lang veränderbar.

Wir können:

  • neue Informationen aufnehmen;

  • neue Zusammenhänge erkennen;

  • Gewohnheiten verändern;

  • Fähigkeiten entwickeln;

  • alte Annahmen neu überprüfen.

Aber eine Überzeugung, die jahrelang vertraut war, verschwindet nicht unbedingt, nur weil man einmal neue Informationen liest.

ALTER WEG
jahrelang benutzt

NEUER WEG
gerade erst begonnen

Der alte Gedanke kann deshalb noch lange zuerst auftauchen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass du ihm noch bewusst zustimmst.

Manchmal hinkt eine automatische Reaktion dem hinterher, was man inzwischen rational denkt.

Zum Beispiel nach dem Verlassen einer Religion

Jemand kann rational denken:

„Ich glaube nicht mehr, dass Armageddon bald kommt.“

und trotzdem bei Krieg oder Weltnachrichten sofort fühlen:

Na also...

Oder denken:

„Ich glaube nicht mehr, dass Menschen außerhalb der Organisation schlechte Gesellschaft sind.“

und trotzdem bei bestimmten Entscheidungen Unbehagen empfinden.

ALTER AUTOMATISCHER GEDANKE
kommt zuerst

        ↓

NEUER BEWUSSTER GEDANKE

„Moment mal.
Glaube ich das eigentlich noch?“

Genau dieser Moment dazwischen ist wichtig.

Dort entsteht Raum, neu zu prüfen.

Wiederholung wirkt auch in die andere Richtung

Wenn Wiederholung alte Denkmuster verstärken kann, kann Übung auch dabei helfen, neue Denkweisen vertrauter zu machen.

Zum Beispiel:

Alt:

“Was sollte jemand in meinem Alter erreicht haben?”

Neu:

“Was ist mir in meinem Leben wichtig?”

Alt:

“Was soll ich davon halten?”

Neu:

“Welche Fakten habe ich und zu welchem Schluss komme ich selbst?”

Alt:

“Dieser Gedanke fühlt sich fremd an, also wird er wohl falsch sein.”

Neu:

“Neu und falsch sind nicht dasselbe.”

alte automatische Reaktion
        ↓
bemerken
        ↓
untersuchen
        ↓
neue Antwort üben
        ↓
neuer Weg wird vertrauter

Was kannst du damit machen?

Wenn eine Überzeugung oder Reaktion automatisch auftaucht, kannst du dich fragen:

1. WO HABE ICH DAS GELERNT?

2. WIE OFT HABE ICH DAS GEHÖRT?

3. VON WEM HABE ICH ES GELERNT?

4. HABE ICH ES SELBST GEPRÜFT?

5. WELCHE BEWEISE GIBT ES DAFÜR?

6. WAS KÖNNTE EINE ANDERE ERKLÄRUNG SEIN?

7. WILL ICH DIESE ÜBERZEUGUNG NOCH IMMER BEIBEHALTEN?

Damit weist du deine Vergangenheit nicht zurück.

Du machst nur einen Unterschied zwischen:

etwas kennen

und

etwas bewusst wählen.

Fragen zum Nachdenken

- Welche Überzeugungen habe ich jahrelang sehr oft gehört?

- Welche Antworten tauchen automatisch in meinem Kopf auf?

- Welche Ideen fühlen sich vor allem vertraut an und welche habe ich tatsächlich geprüft?

- Habe ich bestimmte Überzeugungen auch außerhalb meines eigenen Umfelds überprüft?

- Kann sich etwas bekannt anfühlen, ohne dadurch automatisch wahr zu sein?

- Welche alte Gedanke kommt immer noch als Erstes hoch, obwohl ich inzwischen anders darüber denke?

- Welche neue Denkweise möchte ich bewusst öfter üben?

Zusammengefasst

Wiederholung macht Informationen
vertrauter und zugänglicher.

Vertrautheit kann sich manchmal
wie Wahrheit anfühlen.

Aber:

VERTRAUT
ist nicht dasselbe wie
BEWIESEN.

Ein automatischer Gedanke
ist auch nicht automatisch
deine bewusste Überzeugung.

Du kannst lernen zu erkennen:

„Das ist das, was ich
tausendfach gehört habe.“

und danach