Fragen zum Nachdenken

- Welche Dinge machten Jehovah nach meiner Erziehung glücklich?

- Welche Dinge machten ihn traurig?

- Wie alt war ich, als ich das gelernt habe?

- Welche Rolle spielten Kinderfilme, Publikationen und Zusammenkünfte?

- Welche Maßstäbe kamen von meinen Eltern und welche hörte ich von Ältesten oder anderen Versammlungsgliedern?

- Kann ich zwischen einem Bibeltext und der Anwendung durch jemanden unterscheiden?

- Was passiert in mir, wenn mein eigenes Empfinden mit dem kollidiert, was ich gelernt habe, was Jehovah denkt?

- Fühle ich Schuld wegen eines Verhaltens oder schäme ich mich dafür, wer ich bin?

- Wenn ich mich schuldig fühle, welche Regel habe ich dann meinem Empfinden nach verletzt?

- Halte ich diese Regel heute selbst noch für richtig?

- Wenn mich niemand beurteilen würde und ich keine Angst hätte, Jehovah zu enttäuschen, würde ich dieselbe Entscheidung treffen?

- Welche Werte möchte ich bewusst beibehalten, ganz gleich, ob ich Jehovah’s Zeuge bleibe oder nicht?

- Welche Überzeugungen möchte ich erneut überprüfen?

Vertraute Fragen

- Was meinen Jehovas Zeugen mit einem „gut geschulten Gewissen“?

- Wie wird das Gewissen eines Kindes geprägt?

- Welche Rolle spielen dabei Eltern, Älteste, Zusammenkünfte und Kinderfilme?

- Was passiert, wenn du selbst nichts Falsches empfindest, aber lernst, dass Jehova darüber anders denkt?

- Warum kannst du dich wegen etwas schuldig fühlen, das für andere ganz normal ist?

- Bedeutet Schuldgefühl automatisch, dass man etwas falsch macht?

- Wie weiß man später, welche Maßstäbe wirklich die eigenen sind?

- Und wenn man Jehovas Zeugen verlässt: Wie stellt man sicher, dass alte Schuldgefühle nicht automatisch weiter die eigenen Entscheidungen bestimmen?

Was ist das Gewissen?

Jehovas Zeugen beschreiben das Gewissen als ein inneres Bewusstsein für Recht und Unrecht. Römer 2:14, 15 vergleicht es mit etwas in uns, das uns anklagen oder freisprechen kann.
Interessant ist, dass Jehovas Zeugen selbst auch lehren, dass ein Gewissen geprägt werden muss. In einer aktuellen Wachtturm-Ausgabe wird erklärt, dass das Gewissen unter anderem durch Erziehung und Kultur beeinflusst sein kann. Deshalb werden Zeugen ermutigt, ihr Gewissen anhand biblischer Grundsätze zu formen.
Das ist ein wichtiger Ausgangspunkt: Ein Gewissen ist also nicht einfach eine unveränderliche innere Stimme, mit der jeder Mensch geboren wird und die immer automatisch sagt, was richtig und falsch ist.

Auch ein Gewissen wird erzogen

Das passt zu dem, was wir aus der Psychologie über moralische Entwicklung und Sozialisation wissen.
Ein kleines Kind weiß nicht von selbst, welche Kleidung angemessen ist, welche Worte höflich sind, was seine Eltern unter Sexualität verstehen, welche Feiertage es begehen darf oder nicht oder welche Unterhaltung sie für geeignet halten.
Es lernt.
Das geschieht durch Erklärungen, aber auch durch Lob, Korrekturen, Vorbilder und Reaktionen wichtiger Erwachsener.
In einer Familie von Jehovas Zeugen kommt noch eine besondere Frage hinzu:
„Was denkt Jehova darüber?“

„Mach Jehova froh“

Diese Formulierung taucht in der Kindererziehung immer wieder auf. Jehovas Zeugen haben für kleine Kinder zum Beispiel die Reihe Werde Jehovas Freund mit den Figuren David und Sophie. Darin werden Themen behandelt wie Gehorsam gegenüber den Eltern, Ehrlichkeit, Aufräumen, Zusammenkünfte, Predigtdienst, Freundschaften und Gottes Maßstäbe für Beziehungen.
Auch werden Eltern ermuntert, ihren Kindern beizubringen, wie sie Jehova froh machen können.
Für eine gläubige Familie kann das etwas sehr Positives bedeuten. Eltern wollen ihrem Kind nicht nur Regeln beibringen, sondern ihm helfen, eine persönliche Beziehung zu Jehova aufzubauen.
Psychologisch geschieht dabei gleichzeitig etwas Wichtiges: Verhalten kann mit der Anerkennung Gottes verknüpft werden.

Mehr als „Mama findet das nicht gut“

Es gibt einen emotionalen Unterschied zwischen:
„Mama will nicht, dass ich das mache.“
und:
„Jehova findet das nicht gut.“
Bei Mama kann man denken, dass sie vielleicht zu streng ist. Ein Ältester kann sich irren. Ein Gemeindemitglied kann eine andere Meinung haben.
Aber wenn ein Kind glaubt, dass Jehova vollkommen ist und immer weiß, was richtig und falsch ist, bekommt die zweite Aussage ein anderes Gewicht.
Eine Regel kann dadurch viel tiefer Teil des Gewissens werden.

Kinderfilme vermitteln nicht nur Fakten

Eine Geschichte mit Kindern, Gefühlen, Musik und Alltagssituationen kann eine abstrakte religiöse Norm verständlich machen. Das Kind sieht nicht nur wie die Regel lautet, sondern auch, wie ein Kind wie es selbst damit umgeht.
Genau darin liegt die Stärke von Geschichten für Kinder.
Das offizielle Material beschreibt die Animationen als Hilfsmittel, um Kindern beizubringen, biblische Grundsätze anzuwenden. Die Themen reichen vom Aufräumen und Ehrlichsein bis hin zu religiösen Maßstäben für die Ehe.
In One Man, One Woman wird Gottes Maßstab für die Ehe Kindern als eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau erklärt. In Gemeindematerial zu diesem Video wurden Eltern ermuntert, Gottes moralische Maßstäbe schon in jungen Jahren zu lehren.
Ein Kind lernt dadurch nicht nur Informationen, sondern auch:
„Wie sollte jemand, der Jehovas Freund sein will, darüber denken und handeln?“

Wenn Schule und Glaube aufeinandertreffen

Das wird interessant, wenn ein Kind außerhalb der Gemeinde mit etwas anderem konfrontiert wird.
Nehmen wir an, ein Kind hat eine Klassenkameradin mit zwei Müttern. Für das Kind kann die Realität ganz einfach sein: Das ist meine Freundin, und sie hat zwei Mütter. Vielleicht sind diese Mütter nett, und das Kind spielt bei ihnen zu Hause.
Aus der eigenen Erfahrung des Kindes heraus muss dabei kein moralisches Problem bestehen.
Gleichzeitig lernt es innerhalb seines Glaubens, dass Gottes Maßstab für Ehe und sexuelle Beziehungen ein anderer ist.
Dann können zwei Erfahrungen nebeneinander bestehen:
„Ich finde diese Menschen nett und sehe selbst nichts Schlechtes passieren.“
und:
„Ich habe gelernt, dass Jehova diese Beziehung nicht als richtig ansieht.“
Das kann ein wichtiger Moment in der Gewissensbildung sein.

Das Kind selbst ist nicht ‚schlecht‘

Hier ist Unterscheidung wichtig. Die Lehre der Zeugen Jehovas lautet nicht einfach:
„Ein Kind mit zwei Müttern ist schlecht.“
Die religiöse Ablehnung betrifft Beziehungen und sexuelles Verhalten zwischen Menschen desselben Geschlechts. Gleichzeitig lehren Zeugen Jehovas, dass Menschen respektvoll behandelt werden müssen.
Aber für ein kleines Kind ist es psychologisch nicht selbstverständlich, dass all diese Nuancen vollständig getrennt bleiben. Es sieht eine echte Familie vor sich, während es gleichzeitig lernt, dass Gottes Vorstellung von einer Familie eine andere ist.

Was, wenn dein eigenes Gefühl etwas anderes sagt?

Diese Frage geht weit über Sexualität hinaus.
Was passiert, wenn ein Kind aus sich heraus denkt:
„Ich sehe hier eigentlich nichts Falsches.“
aber dann lernt:
„Jehova sieht das anders.“
Eine Möglichkeit ist, dass das Kind sein erstes Urteil anpasst:
„Dann verstehe ich es offenbar noch nicht richtig. Jehova weiß es besser als ich.“
Aus religiöser Sicht kann das als Glaube und Vertrauen auf Gott gesehen werden.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist außerdem interessant, was das Kind über seine eigene moralische Wahrnehmung lernt.
Darf es denken:
„Warum sollte das falsch sein?“
Darf es diese Frage weiter untersuchen?
Oder lernt es vor allem:
„Wenn mein Gefühl nicht mit dem übereinstimmt, was Jehova nach meinem Glauben denkt, muss mein Gefühl korrigiert werden?“

Ein Zeichentrickfilm mit Drachen

Dieser Prozess muss nicht nur über offizielle Videos stattfinden.
Eine Schwester erzählte, dass ein Ältester bei ihrer Familie zu Hause war, während ihr Kind einen Zeichentrickfilm mit Drachen schaute. Der Älteste fragte das Kind zunächst ungefähr:
„Was hältst du von diesem Zeichentrickfilm?“
Danach:
„Und was meinst du, was Jehova davon hält, wenn du das anschaust?“
Für die Mutter traf diese Frage sie hart. Ihr unmittelbarer Gedanke war:
„Ich könnte im Boden versinken. Offenbar erziehe ich mein Kind nicht gut.“
Der Älteste musste nicht sagen, dass sie eine schlechte Mutter sei. Das war vermutlich auch nicht seine Absicht.
Trotzdem löste das bei ihr sofort Schuldgefühle aus.

Eine Frage kann zwei Gewissen berühren

In diesem Beispiel werden eigentlich zwei Gewissen gleichzeitig angesprochen.
Das Kind wird eingeladen, seine Unterhaltung aus der Perspektive dessen zu betrachten, was Jehova davon hält.
Die Mutter beurteilt anschließend sich selbst:
„Wenn mein Kind sich das anschaut und Jehova das vielleicht missbilligt, habe ich als Mutter dann versagt?“
Der Älteste kann aufrichtig gedacht haben, dass er der Familie geistlich hilft. Die Mutter kann dieselbe Situation ebenfalls aufrichtig als Korrektur erlebt haben.
Beide Perspektiven können nebeneinander bestehen.

Aber wer bestimmt, was Jehova denkt?

Bei manchen Themen gibt es eine klare biblische Regel. Bei anderen wird ein biblisches Prinzip auf eine konkrete Situation angewendet.
In der Bibel steht zum Beispiel nirgends wörtlich:
„Ein Kind darf keinen Zeichentrickfilm mit einem Drachen anschauen.“
Es können zwar biblische Grundsätze zu Spiritismus, Magie, Gewalt oder Unterhaltung herangezogen werden.
Dazwischen liegt ein menschlicher Auslegungsschritt.
Darum kann es sinnvoll sein, zu unterscheiden zwischen dem, was wörtlich in der Bibel steht, wie die Organisation das Prinzip erklärt und wie ein Elternteil, Ältester oder Gemeindemitglied dieses Prinzip auf eine konkrete Situation anwendet.
Für ein Kind können diese drei Dinge leicht zusammenfallen zu:
„Jehova findet das nicht gut.“

Eltern sind nicht die Einzigen, die das Gewissen formen

Ein JG-Kind wächst nicht nur zu Hause in dieser moralischen Welt auf. Es hört bei Vorträgen, wie sich Jugendliche verhalten sollen, schaut Kinderfilme, bekommt Lob für geistigen Fortschritt und kann von Ältesten oder anderen Gemeindemitgliedern auf sein Verhalten angesprochen werden.
Dadurch kann derselbe Maßstab von verschiedenen Seiten bestätigt werden.
Das muss nicht negativ sein. Für ein Kind kann es sogar angenehm sein, wenn zu Hause und in der Gemeinde dieselben Werte gelten. Das gibt Klarheit, Wiedererkennung und Verbundenheit.
Psychologisch bedeutet das gleichzeitig, dass sich ein Maßstab immer stärker verfestigen kann.

Von außen nach innen

Letztlich braucht es niemanden mehr.
Ein Elternteil muss nicht mehr sagen:
„Was hält Jehova davon?“
Ein Ältester muss nicht fragen.
Das Kind fragt sich das selbst.
Das nennt man Internalisierung: Normen, die ursprünglich von außen kamen, werden Teil des eigenen Denkens und der Selbststeuerung.
Das ist ein normaler menschlicher Prozess. Wir alle internalisieren Werte. Deshalb müssen unsere Eltern uns als Erwachsene nicht ständig sagen, dass Lügen, Stehlen oder jemandem zu schaden falsch ist.
Aber wir internalisieren nicht nur allgemein geteilte moralische Regeln. Auch kulturelle und religiöse Normen können tief zu einem Teil unseres Gewissens werden.

„Mein Gewissen sagt, dass es falsch ist“

Darum ist dieser Satz komplizierter, als er klingt.
Wenn jemand sagt:
„Mein Gewissen lässt das nicht zu,“
ist dieses Gefühl vollkommen echt.
Aber man kann zusätzlich fragen:
„Wie wurde mein Gewissen in diesem Punkt geprägt?“
Vielleicht stimmt die Norm mit einem Wert überein, hinter dem du nach reiflicher Prüfung immer noch ganz stehst. Vielleicht stammt sie vor allem aus deiner Familie, der Versammlung, einer Publikation oder etwas, das ein Ältester dir einmal gesagt hat.
Vielleicht weißt du nicht einmal mehr, woher sie kommt.

Schuld und Scham sind nicht dasselbe

Es ist hilfreich, zwischen Schuld und Scham zu unterscheiden.
Schuld meint grob:
„Ich habe etwas Falsches getan.“
Scham trifft schneller den Kern:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Bei religiöser Erziehung können diese beiden Dinge manchmal ineinander übergehen.
Ein Kind kann zunächst denken:
„Ich habe etwas getan, was Jehova nicht gefällt.“
Wenn sich geistliches Verhalten aber stark mit der eigenen Identität verbindet, kann darunter ein tieferer Gedanke entstehen:
„Bin ich überhaupt ein guter Freund Jehovas?“
oder:
„Bin ich eigentlich ein gutes Kind?“
Dieser Unterschied ist wichtig, weil Scham die Identität oft viel tiefer trifft als Schuld wegen einer einzelnen konkreten Handlung.

Ist es falsch, einem Kind beizubringen, Jehova Freude zu machen?

Nicht automatisch.
Jeder Elternteil vermittelt moralische Werte. Eine christliche Mutter oder ein christlicher Vater wird dabei Gott einbeziehen, genauso wie ein nichtreligiöser Elternteil andere moralische Maßstäbe verwendet.
Religiöse Erziehung kann Kindern außerdem Bedeutung, Struktur, Hoffnung und einen starken moralischen Rahmen geben.
Die psychologische Frage lautet daher nicht einfach:
„Wird das Kind beeinflusst?“
Natürlich wird es beeinflusst. Das gilt für jedes Kind.
Spannender ist:
„Wie wird es beeinflusst, und wie viel Raum bleibt, diese Normen später selbst zu prüfen?“

Wenn Schuld nicht bedeutet, dass du schuldig bist

Stell dir vor, jemand tut als Erwachsener etwas, das er über Jahre hinweg gelernt hat abzulehnen.
Sofort entsteht dieses bekannte Gefühl:
„Das stimmt nicht.“
Dieses Gefühl kann so stark sein, dass es sich wie ein Beweis anfühlt:
„Wenn ich mich deswegen so schlecht fühle, muss mein Gewissen mich doch warnen?“
Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit:
Dein Gewissen reagiert genau so, wie es jahrelang gelernt hat zu reagieren.
Das Gefühl ist echt.
Die Bedeutung dieses Gefühls ist eine separate Frage.

Man kann sich auch wegen etwas Normales schuldig fühlen

Das sehen wir auch außerhalb der Religion.
Menschen können Schuld empfinden, wenn sie sich ausruhen, weil sie gelernt haben, immer produktiv sein zu müssen. Jemand kann sich schuldig fühlen, wenn er eine Grenze setzt, weil er als Kind gelernt hat, es allen anderen immer recht machen zu müssen.
Das Schuldgefühl beweist dann nicht automatisch, dass Ausruhen oder Grenzen setzen falsch ist.
Eine hilfreiche Frage ist deshalb:
„Habe ich wirklich etwas getan, das meinen Werten widerspricht, oder habe ich etwas getan, das gegen eine angelernten Regel verstößt?“
Manchmal ist das dasselbe.
Manchmal nicht.

Was passiert, wenn sich dein Glaube verändert?

Für manche ehemaligen Zeugen Jehovas ist das sehr wiedererkennbar.
Deine Überzeugung kann sich relativ schnell verändern. Du prüfst nach und kommst zum Beispiel zu dem Schluss:
„Ich glaube nicht mehr, dass Jehova das von mir verlangt.“
Wenn du dann aber etwas tust, was früher nicht erlaubt war, kann es sich trotzdem falsch anfühlen.
Dein Verstand sagt:
„Es ist nichts passiert.“
Dein Körper und deine Gefühle sagen:
„Vorsicht.“
Das bedeutet nicht unbedingt, dass du tief in dir „weißt, dass der Glaube doch wahr ist“. Es kann bedeuten, dass eine alte Norm immer noch automatisch eine emotionale Reaktion auslöst.

Wie untersucht man so eine Reaktion?

Meistens nicht, indem man sich dazu zwingt. Es kann helfen, die Reaktion auseinanderzunehmen:
Was fühle ich? – Ich fühle Schuld und Anspannung.
Welche alte Botschaft erkenne ich wieder? – Ich habe gelernt, dass Jehova das missbilligt.
Worauf beruhte diese Regel? – Ein konkreter Bibeltext, eine Auslegung, eine örtliche Norm oder etwas, was Menschen um mich herum meinten?
Was denke ich heute selbst darüber? – Passt das zu meinen heutigen Werten?
Tue ich jemandem weh?
Welche Art Mensch möchte ich sein?
Damit sagst du nicht, dass dein altes Gewissen wertlos war.
Du untersuchst es.

Du musst dein altes Gewissen nicht wegwerfen

Wenn jemand Jehova’s Zeugen verlässt, muss er nicht alles, was er dort gelernt hat, automatisch ablehnen.
Vielleicht findest du Ehrlichkeit, Treue, Fürsorge für andere, Bescheidenheit, Verantwortung und Vergebung immer noch wichtig.
Vielleicht zeigt sich, dass viele Werte wirklich zu deinen eigenen geworden sind — nicht nur, weil Jehova’s Zeugen sie gelehrt haben, sondern weil du nach Prüfung immer noch dahinterstehst.
Andere Maßstäbe kannst du neu bewerten.
Das ist etwas anderes, als dein Gewissen abzuschalten.
Du formst es vielmehr bewusster.

Neue Erfahrungen können alte Schuldgefühle verringern

Wenn jemand wiederholt eine Entscheidung trifft, die früher Schuldgefühle ausgelöst hat, und merkt:
„Ich schade niemandem.“ „Das passt zu meinen Werten.“ „Ich bin dadurch kein schlechterer Mensch geworden.“
kann die automatische Schuldreaktion nach und nach schwächer werden.
Das muss nicht schnell gehen. Eine Überzeugung kann sich am Dienstag ändern, während eine emotionale Reaktion, die man zwanzig oder dreißig Jahre lang eingeübt hat, am Mittwoch noch nicht verschwunden ist.
Darum kann es helfen, zu unterscheiden zwischen:
dem, was du jetzt glaubst
und:
dem, was du noch automatisch fühlst.

Und wenn du Jehovah’s Zeuge bleiben möchtest?

Dann ist dieselbe Frage wertvoll.
Ein gut geformtes Gewissen muss nicht bedeuten, dass du nie hinterfragst, warum du etwas für falsch hältst.
Wenn du nach gründlicher Prüfung zu dem Schluss kommst:
„Ich verstehe den Grundsatz, ich habe verschiedene Seiten betrachtet, und ich entscheide mich selbst dafür, weil ich glaube, dass das Jehovahs Wille ist,“
ist das etwas anderes als:
„Ich traue mich nicht, es zu tun, weil ich mich sonst schuldig fühlen würde.“
In beiden Fällen kann jemand am Ende dieselbe Entscheidung treffen.
Aber der Weg zu dieser Entscheidung ist ein anderer.

Freier Wille und ein geformtes Gewissen

Jehovah’s Zeugen lehren, dass der freie Wille ein Geschenk Gottes ist. Gleichzeitig lehren sie, dass das Gewissen nach biblischen Grundsätzen geformt werden muss.
Ein Gewissen muss geformt werden; niemand wächst ohne Einfluss auf.
Die interessante Frage ist daher nicht:
„Ist mein Gewissen beeinflusst worden?“
sondern:
„Kann ich verstehen, wodurch es geprägt wurde, und selbst prüfen, welche Werte ich noch vertrete?“
Vielleicht ist eine persönliche Entscheidung nicht eine Entscheidung, auf die niemand Einfluss hat — so etwas gibt es kaum.
Vielleicht geht es eher darum, sagen zu können:
„Ich weiß, wodurch ich beeinflusst wurde. Ich habe geprüft, warum ich das glaube. Und selbst wenn ich ohne Angst vor Missbilligung anders wählen dürfte, würde ich mich immer noch dafür entscheiden.“

Zusammenfassung

Ein Gewissen fühlt sich sehr persönlich an, aber das bedeutet nicht, dass alles, was es sagt, ausschließlich aus einem selbst stammt.
Ein Gewissen wird im Laufe eines Lebens geformt durch Eltern, Erfahrungen, Kultur, Religion und Menschen, denen wir Autorität zuschreiben. Bei Jehovas Zeugen können dazu schon von klein auf Kinderfilme, Zusammenkünfte, Publikationen, Älteste und die wiederkehrende Frage „Was denkt Jehova darüber?“ gehören.
Das muss nicht automatisch schädlich sein. Eltern versuchen ihren Kindern in der Regel Werte mitzugeben, von denen sie aufrichtig glauben, dass sie gut sind.
Gerade weil ein Gewissen so tief geprägt werden kann, ist es wertvoll zu lernen, zwischen Schuld fühlen und schuldig sein zu unterscheiden.
Auch jemand, der Jehovas Zeuge bleibt, kann sein Gewissen hinterfragen. Und jemand, der geht, muss sein altes Gewissen nicht zerstören oder alle früheren Werte umkehren.
Die Frage muss nicht sein:
„Was darf ich jetzt endlich alles?“
sondern:
„Welche Werte sind mir wirklich wichtig, warum halte ich das für wichtig, und welche Entscheidungen passen zu der Person, die ich sein möchte?“
Vielleicht ist deshalb letztlich nicht nur wichtig:
„Warum sagt mein Gewissen, dass das falsch ist?“
sondern vor allem:
„Wer hat mein Gewissen das gelehrt — und glaube ich das immer noch selbst?“

Quellen und Vertiefung

Neue-Welt-Übersetzung – Römer 2:14, 15; 1. Korinther 8:7-13; 1. Timotheus 1:5, 19. Bibeltexte über Gewissen und persönliche Verantwortung.
Der Wachtturm – Wende biblische Grundsätze an, um dein Gewissen zu formen, Mai 2026. Über Erziehung, Kultur und die Formung des Gewissens.
Jehovas Zeugen – Werde Jehovas Freund. Kinderfilme mit David und Sophie, in denen biblische Maßstäbe auf Alltagssituationen angewandt werden.
Jehovas Zeugen – Werde Jehovas Freund: Ein Mann, eine Frau. Material über Gottes Maßstab für Ehe und Beziehungen.
Leben und Dienst als Christ – Uphold Jehovah's Moral Standards, Juni 2017. Über die Vermittlung moralischer Maßstäbe an Kinder.
Jehovas Zeugen – Eltern, lehrt euren Kindern, wie sie Jehova froh machen können. Über Glaubenserziehung und Gottes Anerkennung.
Jehovas Zeugen – Für immer glücklich! Lektionen über Entscheidungen, Ehrlichkeit, Sexualität, Ehe, Feiertage und Unterhaltung.
Albert Bandura – Social Learning Theory. Über Lernen durch Beobachtung, Vorbilder und soziale Reaktionen.
Entwicklungspsychologische Forschung zu moralischer Entwicklung, Sozialisation, Schuld und Scham. Hintergrund zur Entstehung von Normen und Gewissen.

Mehr dazu

Die Wahrheit – Was bewirkt es, wenn ein Kind seine Religion schon früh als „die Wahrheit“ bezeichnet lernt?
Glaubenserziehung – Wer prägt den Glauben und das Verhalten eines Kindes in der Versammlung?
Ältester – Welchen Einfluss kann ein Ältester auf persönliche und geistige Entscheidungen haben?
Satan – Welche Rolle spielen Satan, Gefahr und geistiger Schutz in der Sicht eines Kindes auf die Welt?
Freier Wille – Wie frei ist eine Entscheidung, wenn das Gewissen bereits stark geprägt wurde?
Weltlich – Warum können gewöhnliche Vorlieben Schuldgefühle auslösen, wenn sie als „weltlich“ anerzogen wurden?