Fragen zum Nachdenken

- Warum klingt dieselbe Entscheidung anders, wenn andere Worte verwendet werden?

- Warum wirkt „90 % Überleben“ beruhigender als „10 % Sterblichkeit“, obwohl die Zahlen dasselbe bedeuten?

- Warum kann schon ein einziges Wort mein Bild von einer Person oder Gruppe prägen?

- Warum klingen Ereignisse anders, wenn ein Befürworter oder ein Gegner sie beschreibt?

- Kann Framing auch unbewusst stattfinden?

- Wie erkenne ich Framing, ohne jeden Unterschied in der Sprache sofort als manipulativ zu bezeichnen?

- Und wie finde ich heraus, welche Fakten hinter der Formulierung stehen?



Was ist der Framing-Effekt?
Der Framing-Effekt bedeutet, dass sich unser Urteil oder unsere Entscheidung verändern kann, je nachdem, wie dieselben oder ähnliche Informationen präsentiert werden.
Amos Tversky und Daniel Kahneman zeigten in klassischen Studien, dass Menschen unterschiedliche Präferenzen äußern konnten, wenn dieselbe Entscheidungssituation entweder als Gewinn oder als Verlust formuliert wurde.

Ein einfaches Beispiel:

90 % überleben

        versus

10 % sterben

Rechnerisch beziehen sich beide Aussagen auf dasselbe Verhältnis.

Aber sie lenken die Aufmerksamkeit auf etwas anderes:

90 % Überleben
      ↓
Aufmerksamkeit auf
positives Ergebnis

10 % Sterblichkeit
      ↓
Aufmerksamkeit auf
negatives Ergebnis

Forschung zu medizinischen Entscheidungen hat tatsächlich gezeigt, dass die Darstellung von Behandlungsergebnissen in Begriffen von Überleben oder Sterben die Behandlungspräferenzen beeinflussen kann, sogar bei Ärzten.

Framing verändert nicht zwangsläufig die Fakten

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Bei einem reinen Framing-Effekt können die zugrunde liegenden Fakten gleich bleiben, während sich die Präsentation verändert.

FAKT

5 Gramm Fett
pro 100 Gramm


FRAME 1

„95 % fettfrei“


FRAME 2

„enthält 5 % Fett“

Beides kann sachlich korrekt sein.

Trotzdem kann 95 % fettfrei attraktiver klingen, weil die Formulierung die positive Eigenschaft betont.

Forscher nennen solche Beispiele attribute framing: dieselbe Eigenschaft wird positiv oder negativ beschrieben.

Framing ist also nicht automatisch Lügen

Eine Botschaft muss fast immer irgendwie formuliert werden.

Man kann kaum sprechen, ohne Wörter zu wählen, Informationen zu ordnen und bestimmte Aspekte früher zu nennen als andere.

Deshalb ist Framing nicht automatisch:

Manipulation

Irreführung

Propaganda

Lügen

Jede Botschaft
hat eine Form

        ≠

jede Form
ist Manipulation

Problematischer wird es, wenn ein Frame zum Beispiel wichtige Informationen verschweigt, ein verzerrtes Bild erzeugt oder bewusst vor allem starke Emotionen auslöst, während relevante Gegeninformationen weggelassen werden.

Warum kann unser Gehirn dafür anfällig sein?

Menschen verarbeiten Informationen nicht wie ein Taschenrechner.

Wir reagieren auch auf:

Wörter,

Kontext,

Vergleichsmaßstäbe,

emotionale Bedeutung,

was als Gewinn dargestellt wird,

was als Verlust dargestellt wird,

und welcher Teil der Information unsere Aufmerksamkeit bekommt.

Tversky und Kahneman zeigten, dass Menschen bei Entscheidungen anders auf Ergebnisse reagieren können, die als Gewinn formuliert sind, als auf gleichwertige Ergebnisse, die als Verlust dargestellt werden.

Die Fakten
      +
die Präsentation
      ↓
wie ich die Situation
erlebe und bewerte

Das bedeutet nicht, dass Framing immer eine große Wirkung hat.

Die Stärke von Framing-Effekten unterscheidet sich je nach Situation erheblich. Eine große Meta-Analyse zur Forschung über Risikowahlen fand Framing-Effekte, aber auch starke Unterschiede je nach beispielsweise Aufgabe, Formulierung und Studienaufbau.

Es gibt verschiedene Formen von Framing

Die Forscher Levin, Schneider und Gaeth unterschieden mehrere Typen von Framing.

Eine hilfreiche Vereinfachung ist:

ATTRIBUTE FRAME

„95 % fettfrei“
versus
„5 % Fett“


RISKY-CHOICE FRAME

„200 Menschen werden gerettet“
versus
„400 Menschen sterben“


GOAL FRAME

„Wenn du das tust,
hast du diesen Vorteil“

versus

„Wenn du das nicht tust,
erleidest du diesen Nachteil“

Der zugrunde liegende Mechanismus muss bei all diesen Formen nicht genau derselbe sein.

Darum ist Framing weiter gefasst als nur:

„positiv versus negativ formulieren.“

Gewinn statt Verlust

Ein wichtiger Teil der Framing-Forschung beschäftigt sich mit der Frage, ob ein Ergebnis als Gewinn oder Verlust dargestellt wird.

Angenommen, eine Behandlung ist bei 90 von 100 Menschen erfolgreich.

Man kann sagen:

„90 von 100 Menschen profitieren von der Behandlung.“

oder:

„Bei 10 von 100 Menschen wirkt die Behandlung nicht.“

Beide Angaben können nötig sein, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

GEWINN-FRAME

Was gewinne ich?


VERLUST-FRAME

Was kann ich verlieren?

Bei der Gesundheitskommunikation zeigt sich übrigens, dass solche Effekte nicht überall gleich funktionieren. Eine systematische Übersichtsarbeit fand heraus, dass positives oder negatives Framing die Bewertung manchmal beeinflusst, dass die Effekte auf das tatsächliche Verhalten jedoch klein oder inkonsistent sein können.

Das ist eine gute Warnung vor Aussagen wie:

„Mit einem clever gewählten Frame kannst du Menschen dazu bringen, zu tun, was du willst.“

So einfach ist es nicht.

Beispiel aus dem Alltag

Stellen wir uns vor, zwei Verkäufer bieten exakt dasselbe Produkt an.

Verkäufer A sagt:

„95 % unserer Kunden sind zufrieden.“

Verkäufer B sagt:

„5 % unserer Kunden sind nicht zufrieden.“

95 % zufrieden
      ↓
„Das klingt gut“


5 % unzufrieden
      ↓
„Was ist da schiefgelaufen?“

Die Information ist mathematisch gleichwertig.

Aber deine Aufmerksamkeit wird auf einen anderen Teil der Realität gelenkt.

Ein guter nächster Schritt ist deshalb:

„Was verändern die Worte, und was bleibt faktisch gleich?“

Framing kann auch durch ein einziges Wort entstehen

Nicht jedes Frame enthält Zahlen.

Worte tragen Bedeutungen, Assoziationen und Bewertungen in sich.

Vergleiche zum Beispiel:

„sparsam“

mit

„geizig“

oder:

„vorsichtig“

mit

„ängstlich“

oder:

„beharrlich“

mit

„stur“

Das Verhalten kann teilweise dasselbe sein, aber das gewählte Wort lenkt die Interpretation.

Dasselbe Verhalten:

jemand ändert
seine Meinung nicht schnell


FRAME A
„standhaft“


FRAME B
„stur“

Die Worte enthalten bereits einen Teil der Bewertung.

Framing und Stereotypisierung: dein Beispiel über Rassismus

Hier passt dein Beispiel gut, aber mit einem wichtigen Unterschied.

Stell dir vor, ein Kind hört jahrelang von seinen Eltern:

„Menschen aus dieser Bevölkerungsgruppe sind dumm.“

„Diese Menschen sind gefährlich.“

„Sie sind minderwertig.“

Das ist mehr als nur der klassische Framing-Effekt.

Es geht auch um Stereotypisierung, Vorurteile und die soziale Weitergabe von Überzeugungen.

Framing spielt aber durchaus mit hinein, weil die Sprache, mit der eine Gruppe fortwährend beschrieben wird, mitbestimmt, durch welchen Interpretationsrahmen das Kind lernt, Mitglieder dieser Gruppe zu sehen.

Forschung zu Sprache und Stereotypisierung zeigt, dass die Bezeichnungen und Beschreibungen, die Menschen verwenden, dazu beitragen können, Stereotype innerhalb sozialer Gruppen zu verbreiten und aufrechtzuerhalten.

Zum Beispiel:

Kind sieht eine Person
aus Gruppe X

        ↓

hat jahrelang gehört:
„diese Menschen sind
gefährlich“

        ↓

neutrales Verhalten
kann schneller durch
diesen Rahmen betrachtet werden

Das bedeutet nicht, dass ein Kind automatisch rassistisch wird, nur weil seine Eltern rassistische Ansichten haben.

Kinder bekommen Informationen aus vielen Quellen und können übernommene Vorstellungen später hinterfragen und ablehnen.

Aber wiederholte Sprache aus Familie, Freundeskreis, Medien und Kultur kann durchaus dazu beitragen, wie soziale Gruppen eingeordnet und bewertet werden. Forschung zur Stereotypenkommunikation beschreibt genau, wie Sprache solche gemeinsamen Bilder verstärken und weitergeben kann.

Ein Frame kann bestimmen, worauf du achtest

Stell dir vor, jemand hat gelernt:

„Gruppe X ist faul.“

Er sieht anschließend hundert Menschen aus dieser Gruppe.

Eine Person sitzt ohne Arbeit zu Hause.

Eine andere Person arbeitet sechzig Stunden pro Woche.

Wenn der bestehende Frame stark ist, kann das erste Beispiel sofort Bedeutung bekommen:

„Siehste.“

während das zweite als Ausnahme gesehen wird.

FRAME
„Diese Gruppe ist faul“
      ↓
Aufmerksamkeit für
passende Beispiele
      ↓
„Siehste“

Hier beginnt Framing, sich mit einem anderen Mechanismus zu überschneiden:

Bestätigungsfehler.

Der Frame bestimmt mit, wie Informationen interpretiert werden; der Confirmation Bias kann dann dazu beitragen, welche Informationen besonders gut erinnert oder als überzeugend empfunden werden.

Psychologische Prozesse greifen im Alltag oft ineinander.

Darum ist Sprache über Gruppen wichtig

Vergleiche:

„Ein Krimineller.“

mit:

„Eine Person, die eine Straftat begangen hat.“

Oder:

„Ein Süchtiger.“

mit:

„Jemand mit einem Suchtproblem.“

Die tatsächliche Lage kann ähnlich sein, aber das erste Label kann die ganze Person stärker auf ein einziges Merkmal reduzieren.

Bei sozialen Kategorien kann Sprache dazu beitragen, den Eindruck zu erwecken, Eigenschaften seien fest, essenziell oder typisch für die gesamte Gruppe. Das ist einer der Prozesse, die in der Stereotypen- und Sprachforschung beschrieben werden.

Person
      ↓
bekommt ein Label
      ↓
Label wird zum
wichtigsten
Merkmal
      ↓
andere Informationen
treten in den
Hintergrund

Darum ist Framing nicht nur für Werbung oder Zahlen interessant. Es kann auch beeinflussen, wie wir Menschen und Gruppen wahrnehmen.

Aber Worte dürfen auch einfach Bedeutung haben

Hier sollten wir nicht übers Ziel hinausschießen.

Wenn jemand eine Straftat begangen hat, darf man das benennen.

Wenn eine Organisation eine bestimmte Regel hat, darf man diese Regel beschreiben.

Und verschiedene Wörter sind nicht immer vollständig austauschbar.

Nicht jedes starke Wort ist also ein Framing-Trick.

Die Frage ist:

„Welche Bedeutung steckt bereits in dem gewählten Wort drin?”

und:

„Würde jemand, der dieselben Fakten anders bewertet, andere Worte wählen?”

Wie kann Framing in engen Überzeugungsgemeinschaften entstehen?

Jede Gruppe entwickelt eine Sprache, mit der die Wirklichkeit beschrieben wird.

Das gilt für:

Familien,

Unternehmen,

Religionen,

politische Bewegungen,

aktivistische Organisationen,

Online-Communities,

und Gruppen ehemaliger Mitglieder.

Sprache kann helfen, eine komplexe Wirklichkeit schnell verständlich zu machen.

Aber dieselbe Sprache kann auch bereits eine Interpretation enthalten.

Ereignis
    ↓
Wort oder Label
    ↓
Bedeutung
    ↓
emotionale Reaktion

Darum ist es hilfreich, sich von Zeit zu Zeit zu fragen:

„Beschreibt dieses Wort vor allem, was passiert ist, oder gibt es mir gleichzeitig schon vor, wie ich darüber denken soll?”

Wie kann das rund um Jehovas Zeugen erkennbar sein?

Innerhalb von Jehovas Zeugen gibt es Wörter, die im eigenen religiösen Rahmen eine klare Bedeutung haben.

Ein Beispiel ist abtrünnig.

Im Einsichten-Buch wird religiöser Abfall unter anderem als Untreue, Auflehnung und das Abwenden von dem beschrieben, was laut der Publikation die wahre Anbetung Gottes ist.

Eine andere offizielle Publikation sagt, ein Abtrünniger wende sich gegen die Wahrheit und lehne sich gegen Jehova und Jesus auf.

Für jemanden, der diese Glaubensdefinition teilt, ist abtrünnig also keine neutrale Bezeichnung für:

„jemand, der seine Meinung geändert hat.”

Das Wort enthält innerhalb dieses Glaubensrahmens bereits eine religiöse Bedeutung.

SACHLICHE BESCHREIBUNG

„Jemand glaubt
eine bestimmte Lehre
nicht mehr”


RELIGIÖSER FRAME

„Abtrünnigkeit”

Das bedeutet nicht, dass das religiöse Wort deshalb falsch ist.

Innerhalb des Glaubens hat es gerade eine klare Bedeutung.

Es zeigt aber, wie ein Label mehr vermitteln kann als nur das bloße Verhalten.

Dasselbe gilt für Wörter rund um „die Welt” und „weltlich”. Offizielle JW-Publikationen verwenden diese Begriffe in einem religiösen Rahmen, in dem eine Denkweise, die nicht mit Gottes Maßstäben übereinstimmt, mit „dem Geist der Welt” verbunden wird.

Auch Kritik an Jehovas Zeugen kann Framing enthalten

Das funktioniert nicht nur in eine Richtung.

Ein Kritiker kann zum Beispiel Wörter verwenden wie:

„Sekte”

„gehirngewaschen”

„Gefangenschaft”

„Mind Control”

Noch bevor die konkreten Fakten besprochen sind, können solche Wörter eine starke Interpretation auslösen.

JW-Frame:
„Abtrünniger”

kann schon Bedeutung
mitgeben


Kritischer Frame:
„gehirngewaschen”

kann ebenfalls schon
Bedeutung mitgeben

Das heißt nicht, dass solche Begriffe niemals verwendet werden dürfen.

Einige haben wissenschaftliche, rechtliche oder soziologische Definitionen.

Gerade deshalb muss man fragen:

„Welche Definition verwenden wir?”

„Welche konkreten Fakten stützen dieses Label?”

„Was würde ich sagen, wenn ich das Label vorübergehend weglasse?”

Für EXJW.world ist das eine wichtige Möglichkeit, sowohl die Sprache der Organisation als auch die Sprache der Kritiker zu untersuchen, ohne dem Leser die Schlussfolgerung vorzugeben.

Dasselbe Verhalten kann zwei völlig unterschiedliche Geschichten bekommen

Stell dir vor, jemand verlässt eine religiöse Gemeinschaft.

Die eine Person sagt:

„Er hat die Wahrheit verlassen.”

Eine andere sagt:

„Er hat sich befreit.”

Beide Aussagen enthalten bereits eine Interpretation.

Eine neutralere erste Beschreibung ist:

„Er gehörte
zur Gemeinschaft

und hat sich entschieden,
sie zu verlassen.“

Danach können verschiedene Menschen besprechen warum sie das positiv, negativ oder anders bewerten.

Das bedeutet nicht, dass wir immer nur sterile, neutrale Sprache verwenden müssen.

Es hilft jedoch, zu unterscheiden zwischen:

WAS IST PASSIERT?

        und

WAS BEDEUTEN
WIR DAS, WAS PASSIERT IST?

Framing ist nicht dasselbe wie Propaganda

Propaganda kann Framing nutzen.

Aber nicht jedes Framing ist Propaganda.

Propaganda umfasst in der Regel einen breiteren Versuch, Einstellungen oder Verhalten durch selektive Informationen, Botschaften, Symbole oder emotionale Mittel zu beeinflussen.

Framing kann viel einfacher entstehen, weil jemand dieselbe Ereignis aus seiner eigenen Perspektive beschreibt.

Framing
kann bewusst sein

aber auch entstehen,
weil jeder Mensch
aus einer Perspektive
spricht

Ein Journalist, Gläubiger, ehemaliger Gläubiger, Arzt und Patient können ein und dasselbe Ereignis unterschiedlich beschreiben, ohne dass jemand bewusst manipulieren will.

Auch neutrale Sprache ist nie völlig perspektivlos

Selbst wenn wir versuchen, neutral zu schreiben, müssen wir Entscheidungen treffen:

Was nennen wir zuerst?

Welche Hintergrundinformationen nehmen wir auf?

Welchen Vergleich verwenden wir?

Welche Wörter vermeiden wir?

Welche Fakten halten wir für relevant?

Das Ziel ist daher wahrscheinlich nicht:

„Ich werde jedes Framing ausschalten.“

Das ist kaum machbar.

Ein realistischeres Ziel ist:

Welches Frame
verwende ich?

Was betont es?

Was lässt es
im Hintergrund?

Und ändert sich mein Urteil,
wenn ich es anders formuliere?

Woran erkennt man Framing?

Eine einfache Methode ist, die Botschaft neu zu formulieren.

Angenommen, jemand sagt:

„Nur 10 % dieser Patienten sterben.“

Schreib daneben:

„90 % dieser Patienten überleben.“

Oder:

„Er hat die Wahrheit verlassen.“

neben:

„Er änderte seine religiöse Überzeugung und verließ die Gemeinschaft.“

Oder:

„Diese Person ist stur.“

neben:

„Diese Person ändert ihre Meinung nicht leicht.“

Danach fragst du:

Welche Fakten
bleiben gleich?

Welche Bewertung
verschwindet, wenn ich
andere Worte verwende?

Daran wird das Frame oft sichtbar.

Achte darauf, was weggelassen wird

Framing geht nicht nur um Worte.

Auch Auswahl kann ein Frame erzeugen.

Angenommen, eine Organisation hat hundert positive und zehn negative Erfahrungen.

Du kannst ausschließlich die hundert positiven Geschichten zeigen.

Oder ausschließlich die zehn negativen.

Beide Sammlungen können aus völlig wahren Geschichten bestehen.

Wahre Informationen

        ≠

automatisch ein
vollständiges Bild

Die relevante Frage lautet dann:

„Welche Informationen werden mir nicht gezeigt?“

Das berührt Framing, Verfügbarkeitsheuristik und Bestätigungsfehler.

Framing kann auch helfen

Framing ist nicht nur etwas, wovor wir uns schützen müssen.

Es kann auch nützlich sein.

Ein Therapeut kann zum Beispiel jemandem helfen, dieselbe Situation aus einem anderen Rahmen heraus zu betrachten:

Nicht:

„Ich habe versagt.“

sondern:

„Dieser Versuch ist nicht gelungen.“

Nicht:

„Ich muss ganz von vorne anfangen.“

sondern:

„Ich weiß jetzt von einem Ansatz, der nicht funktioniert.“

„Fehler = Beweis,
dass ich es nicht kann“

        ↓

„Fehler = Information,
mit der ich weiterarbeiten kann“

Die Fakten werden nicht geleugnet.

Die Bedeutung wird anders geordnet.

Diese Art des Reframings kann helfen, alternative Deutungen zu sehen, solange sie nicht dazu benutzt wird, echte Probleme schönzureden.

Wann wird Framing irreführend?

Framing wird problematischer, wenn zum Beispiel:

wesentliche Informationen bewusst weggelassen werden;

ein Vergleich so gewählt wird, dass er ein falsches Bild erzeugt;

stark emotionale Etiketten Belege ersetzen;

relative Risiken genannt werden, ohne absolute Zahlen;

oder eine Deutung so präsentiert wird, als sei sie ein unbestreitbarer Fakt.

Zum Beispiel:

„Das verdoppelt Ihr Risiko.“

klingt groß.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen:

1 von 1.000
      ↓
2 von 1.000

und

30 von 100
      ↓
60 von 100

In beiden Fällen liegt eine Verdoppelung vor.

Die absolute Bedeutung ist jedoch ganz anders.

Darum hilft es bei Zahlen, sowohl relative als auch absolute Informationen zu betrachten.

Was kannst du damit anfangen?

Wenn eine Botschaft starke Emotionen auslöst, kannst du zuerst fragen:

Welche Wörter steuern mein Gefühl?

Welche Wörter sind beschreibend und welche enthalten bereits ein Urteil?

Wie würde jemand mit einer anderen Perspektive das formulieren?

Kann ich dieselbe Botschaft auch neutraler aufschreiben?

Welche Fakten bleiben gleich, wenn sich die Wörter ändern?

Welche Informationen fehlen?

Wird vor allem Gewinn betont oder vor allem Verlust?

Wird ein Individuum beschrieben oder sofort eine ganze Gruppe?

Ist das Etikett klar definiert?

Du kannst zum Beispiel eine einfache Drei-Schritte-Prüfung verwenden:

1. FRAME

Wie wird es
präsentiert?


2. FAKT

Was weiß ich
tatsächlich?


3. ALTERNATIVE

Wie kann dasselbe
Faktum anders
formuliert werden?

Wenn du danach immer noch zur gleichen Schlussfolgerung kommst, ist das völlig in Ordnung.

Das Ziel ist nicht, zu allem keine Meinung mehr zu haben.

Das Ziel ist zu wissen, welcher Teil aus den Fakten stammt und welcher Teil aus dem Frame.

Fragen zum Nachdenken

Welche Wörter lösen bei mir sofort eine positive oder negative Reaktion aus?

Welche Bedeutung ist in diesen Wörtern bereits eingebaut?

Wie würde dieselbe Situation klingen, wenn sie von jemandem mit gegenteiliger Sichtweise beschrieben würde?

Kann ich das Ereignis ohne wertende Etiketten beschreiben?

Welche Fakten bleiben dann bestehen?

Welche Informationen stehen im Vordergrund und welche bleiben außerhalb des Blickfelds?

Verwende ich bei meiner eigenen Gruppe freundlichere Wörter für dasselbe Verhalten als bei einer anderen Gruppe?

Habe ich Etiketten über Menschen oder Gruppen aus meiner Erziehung übernommen, ohne sie je bewusst zu prüfen?

Wie würde ich eine Person sehen, wenn ich das Gruppenetikett vorübergehend weglasse?

Verwende ich Wörter wie ‚abtrünnig‘, ‚weltlich‘, ‚Sekte‘ oder ‚hirngewaschen‘ als Beschreibung — oder steckt meine Schlussfolgerung bereits im Wort?

Und vielleicht die wichtigste:

Wenn ich die Wörter
ändere...

bleiben meine
Argumente dann
genauso stark?

Zusammenfassung

Der Framing-Effekt zeigt, dass die Art, wie Informationen formuliert werden, beeinflussen kann, wie Menschen sie beurteilen. Klassische Forschung zeigt, dass logisch äquivalente Entscheidungen unterschiedliche Vorlieben auslösen können, wenn sie zum Beispiel als Gewinn oder Verlust dargestellt werden.

Framing bedeutet nicht automatisch Manipulation. Jede Kommunikation erfordert Auswahl und Formulierung, und die Effekte unterscheiden sich stark je nach Situation.

Framing wird vor allem dann interessant, wenn die gewählten Wörter bereits eine Interpretation, emotionale Bewertung oder einen Vergleich enthalten.

Nicht nur fragen:

„Ist das wahr?“

sondern auch:

„Wie wird es
mir präsentiert?“

Auch Sprache über Gruppen kann ein Frame bilden. Wenn Kinder wiederholt negative Etiketten über eine ethnische, religiöse oder andere Gruppe hören, kann diese Sprache dazu beitragen, Stereotype zu entwickeln und weiterzugeben. Dieser Prozess umfasst jedoch mehr als nur Framing; auch soziale Beeinflussung, Stereotypisierung und erlernte Überzeugungen spielen eine Rolle.

Dieses Prinzip gilt auch, wenn Menschen über Jehovas Zeugen sprechen und auch, wenn Jehovas Zeugen über Menschen außerhalb oder gegenüber der Gemeinschaft sprechen.

Deshalb ist eine hilfreiche Gewohnheit:

das Etikett vorübergehend wegzulassen, zuerst zu beschreiben, was tatsächlich geschieht, und erst danach zu schauen, welche Interpretation man daraus machen will.

Quellen und weiterführende Literatur

Amos Tversky & Daniel Kahneman (1981), The Framing of Decisions and the Psychology of Choice, Science, 211(4481), 453–458. Die klassische Studie dazu, wie unterschiedliche Formulierungen derselben Entscheidungssituation Präferenzen verändern können.

Anton Kühberger (1998), The Influence of Framing on Risky Decisions: A Meta-analysis, Organizational Behavior and Human Decision Processes, 75(1), 23–55. Metaanalyse von 136 Framing-Studien mit fast 30.000 Teilnehmenden; zeigt sowohl das Vorhandensein von Framing-Effekten als auch wichtige Unterschiede zwischen den Forschungsbedingungen.

Irwin P. Levin, Sandra L. Schneider & Gary J. Gaeth (1998), All Frames Are Not Created Equal. Wichtiger Überblick, der zwischen verschiedenen Formen des Valenzframings unterscheidet, darunter Risky-Choice-, Attribut- und Goal-Framing.

Barbara J. McNeil, Stephen G. Pauker, Harold C. Sox & Amos Tversky (1982), On the Elicitation of Preferences for Alternative Therapies, New England Journal of Medicine. Untersuchung unter Patienten, Studierenden und Ärzten, bei der Behandlungsentscheidungen sich abhängig unter anderem von der Formulierung in Begriffen von Überleben oder Sterblichkeit veränderten.

Alexander J. Rothman & Peter Salovey (1997), Shaping Perceptions to Motivate Healthy Behavior: The Role of Message Framing. Über Gain- und Loss-Framing in der Gesundheitskommunikation und die Bedingungen, unter denen unterschiedliche Frames Einfluss haben können.

Cochrane-Review – Framing of Health Information Messages. Review von 35 Studien mit über 16.000 Teilnehmenden. Wichtige Nuance: Positive und negative Frames beeinflussen manchmal Wahrnehmungen, aber Effekte auf tatsächliches Verhalten sind nicht durchgängig nachgewiesen.

Camiel J. Beukeboom & Christian Burgers (2019), How Stereotypes Are Shared Through Language. Ausführlicher Überblick darüber, wie Labels und Sprachgebrauch dazu beitragen können, soziale Stereotype zu vermitteln und aufrechtzuerhalten.

Jehovah’s Getuigen – Abfall, Apostasie, Einsicht in die Schriften. Offizielle JW-Quelle, aus der hervorgeht, welche religiöse Bedeutung die Begriffe Abfall und Apostasie innerhalb des eigenen Glaubensrahmens haben.

Jehovah’s Getuigen – Erläuterungen zu „Geist der Welt“ und Apostasie. Offizielle Quellen, in denen Begriffe wie Welt und Apostasie innerhalb des religiösen Deutungsrahmens der Organisation beschrieben werden.