Erkennbare Fragen
- Erwähnt die Bibel Masturbation überhaupt, oder ist das eine spätere Auslegung?
- Welche Argumente verwenden verschiedene christliche Strömungen?
- Wie beeinflussen Erziehung und Glaube unseren Blick auf Sexualität?
- Welche Überzeugungen habe ich selbst geprüft, und welche habe ich vor allem übernommen?
- Wie kann ich respektvoll mit Menschen umgehen, die dazu anders denken?
- Was sagt die Bibel?
- Und warum gibt es unterschiedliche Auslegungen?
Sexualität ist ein Thema, zu dem viele Menschen Fragen haben. Auch innerhalb verschiedener religiöser Traditionen wird darüber unterschiedlich gedacht. Eine der Fragen, die immer wieder auftaucht, ist, ob die Bibel Masturbation verurteilt.
Auffällig ist, dass die Bibel Masturbation nirgendwo ausdrücklich erwähnt. Es gibt keinen Bibelvers, in dem wörtlich steht:
"Masturbation ist eine Sünde."
"Du darfst dich nicht selbst befriedigen."
"Gott verbietet Masturbation."
Dennoch betrachten manche Kirchen und Glaubensgemeinschaften Masturbation als unvereinbar mit biblischen Grundsätzen. Andere Christen und Bibelwissenschaftler sind der Meinung, dass die Bibel dazu kein direktes Verbot enthält. Wie ist dieser Unterschied entstanden?
Bibeltexte, die oft angeführt werden
Da die Bibel kein ausdrückliches Verbot enthält, werden meist andere Bibelstellen herangezogen, um dieses Thema zu besprechen.
Matthäus 5:27-28
"Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen."
Manche Christen verbinden Masturbation mit sexuellen Fantasien und schließen daraus, dass Masturbation falsch ist, wenn sie mit Begehren einhergeht.
Andere Ausleger weisen darauf hin, dass Jesus hier von ehebrecherischem Begehren spricht und nicht von Masturbation als Handlung. Ihrer Ansicht nach geht es in diesem Text vor allem um die Gesinnung des Herzens und nicht um Selbstbefriedigung.
1. Mose 38:8-10 – Onan
Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bibelstelle, die mit Masturbation in Verbindung gebracht wird.
Onan "ließ seinen Samen auf die Erde fallen", worauf Gottes Urteil folgte.
Über Jahrhunderte wurde diese Geschichte von manchen Kirchen als Verbot der Masturbation ausgelegt.
Viele heutige Bibelwissenschaftler sehen das anders. Ihrer Ansicht nach liegt der Schwerpunkt der Geschichte nicht auf dem Verschütten von Samen, sondern darauf, dass Onan seine gesetzliche Verantwortung gegenüber Tamar bewusst verweigerte. Er wollte zwar den Geschlechtsverkehr, aber nicht die Verantwortung tragen, die damit verbunden war.
Nach dieser Auslegung geht es in der Geschichte um Treue, Verantwortung und Täuschung – und nicht um Masturbation.
1. Korinther 6:18-20
"Flieht vor der sexuellen Unmoral."
Manche Glaubensgemeinschaften ordnen Masturbation der sexuellen Unmoral zu.
Andere Ausleger weisen darauf hin, dass Paulus Masturbation nicht erwähnt und dass der Text von sexuellen Sünden im weiteren Sinn spricht.
Auch hier gehen die Auslegungen daher auseinander.
Philipper 4:8
Paulus ermutigt Christen, ihre Gedanken auf das zu richten, was wahr, ehrbar, gerecht und rein ist.
Manche Gläubige übertragen diesen Grundsatz auf sexuelle Fantasien.
Andere merken an, dass der Text keine Aussage über Masturbation selbst macht.
Warum denken Kirchen darüber unterschiedlich?
Weil die Bibel Masturbation nirgendwo ausdrücklich behandelt, sind unterschiedliche Auslegungen entstanden.
Manche Kirchen legen den Schwerpunkt auf Selbstbeherrschung, sexuelle Reinheit und die Gedanken, die mit Sexualität verbunden sein können. Von dieser Sicht aus wird Masturbation oft abgeraten oder abgelehnt.
Andere Kirchen und viele heutige Bibelwissenschaftler weisen darauf hin, dass die Bibel kein direktes Verbot enthält. Sie finden deshalb, man sollte vorsichtig sein, Schlussfolgerungen zu ziehen, die nicht wörtlich in der Bibel stehen.
Dadurch gibt es im Christentum unterschiedliche Auffassungen.
Schuldgefühle und Psychologie
Für viele Menschen ist dieses Thema nicht nur eine theologische Frage, sondern auch eine persönliche.
Wenn jemand mit der Überzeugung aufwächst, dass Masturbation sündig ist, kann das Gefühle von Schuld, Scham oder Angst auslösen. Manche Menschen erleben dadurch innere Anspannung oder haben das Gefühl, Gott zu enttäuschen.
Psychologen weisen darauf hin, dass anhaltende Schuldgefühle das Selbstbild, die sexuelle Entwicklung und das emotionale Wohlbefinden beeinflussen können. Gleichzeitig gehen Menschen sehr unterschiedlich damit um, und Erziehung, Glaubensüberzeugungen und persönliche Werte spielen dabei eine wichtige Rolle.
Schuldgefühle zu empfinden bedeutet für sich genommen nicht, dass etwas richtig oder falsch ist; Schuldgefühle werden unter anderem von den Normen und Überzeugungen geprägt, mit denen jemand aufgewachsen ist.
Fragen zum Nachdenken
Fazit
Die Bibel erwähnt Masturbation nirgendwo ausdrücklich. Die unterschiedlichen Standpunkte innerhalb des Christentums beruhen auf Auslegungen allgemeinerer biblischer Prinzipien zu Sexualität, Begierde und Selbstbeherrschung.
Dadurch gehen die Ansichten auseinander. Einige Glaubensgemeinschaften betrachten Masturbation als unvereinbar mit einem christlichen Lebensstil, während andere darauf hinweisen, dass die Bibel hierzu kein direktes Verbot enthält.
Ziel dieses Artikels ist es nicht, eine endgültige Antwort zu geben, sondern einen Einblick in die verschiedenen vorhandenen Auslegungen zu bieten. So kann jede Leserin und jeder Leser sich auf Grundlage von Informationen, Kontext und persönlicher Überzeugung eine eigene Meinung bilden.